Von Gisela Dachs

Gaza-Stadt

Die Autonomie hat den Kindern im Gaza-Streifen ein neues Spiel beschert. Auf der Straße laufen die kleinen Jungen in Miniuniformen herum und halten Plastikkalaschnikows fest in ihren Händchen. Die palästinensischen Polizisten sind über Nacht zum Vorbild geworden. Die Erwachsenen reagieren vor allem mit Neugierde auf die eigenen Ordnungshüter, die jetzt anstelle der israelischen Soldaten vor den Amtsgebäuden in Gaza-Stadt Wache schieben. Nach den ersten durchfeierten Nächten will die Bevölkerung mit "ihren Polizisten" Bekanntschaft schließen. Die Leute bringen etwas zu essen, erkundigen sich, aus welchen Ländern sie kommen, ob sie vielleicht Verwandte in Jordanien oder im Libanon kennen. Die Symbolkraft ist enorm: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte dürfen die Palästinenser offiziell Waffen tragen und selbst für Ordnung sorgen. In einer ersten Erklärung, auf Flugblättern verteilt, hat Polizeichef General Nasser Yussef die Bevölkerung aufgerufen, "der Welt zu beweisen, daß wir fähig sind, in Freiheit und Würde zu leben".

Die meisten Polizisten und Soldaten sind ehemalige Flüchtlinge. Er sei sehr glücklich, wieder in sein Heimatland zurückkehren zu können, sagt Abdel Hamid. Er wurde 1939 in der Nähe des heute israelischen Aschkelon geboren, als Kind war er nach dem Krieg von 1948 geflohen. Bisher hatte er in der Palästinensischen Befreiungsarmee im Libanon gedient, dort lebt auch noch seine Familie, die in wenigen Monaten nachkommen soll.

Mit dem Abzug der Israelis hat im Gaza-Streifen eine Übergangsphase begonnen, deren Ende so schnell nicht abzusehen ist. Bisher sind erst 2400 Polizisten stationiert worden – zu wenig, um eine "volle Kontrolle über die Sicherheit" zu haben, gibt Abdel Hamid zu. Mit Schießereien hie und da müsse deshalb in nächster Zeit gerechnet werden. Was den Gebrauch seiner eigenen Waffe angeht, so habe er gelernt, sie zur Selbstverteidigung zu benutzen oder um "palästinensisches Leben" zu schützen. Was aber, wenn ein Palästinenser das Leben eines Israeli bedroht? Auf diese Frage schweigen die meisten palästinensischen Polizisten lieber. Gegen die eigenen Leute vorzugehen, diesen Gedanken schieben sie – wenigstens vorerst – noch weit weg.

Aber zu diesem Härtetest wird es unweigerlich kommen. Nur seine Leute dürften Waffen tragen, betont General Nasser Yussef, doch darüber machen sich Mitglieder der fundamentalistischen Hamas-Bewegung allenfalls lustig. Mindestens 20 000 Gewehre, Pistolen oder andere Waffen sollen sich in den Händen verschiedener Gruppierungen befinden. Am vergangenen Freitag wurden zwei israelische Soldaten an der Grenze zum Gaza-Streifen erschossen, die Täter flüchteten anschließend ins Autonomiegebiet, wo die Israelis sie nicht mehr verfolgen dürfen.

Einstweilen stellt man sich einer nicht minder schwierigen Herausforderung: den ganz normalen Alltag zu meistern, etwa die Müllabfuhr zu organisieren und die Gehälter für die Angestellten der Zivilverwaltung. Bis zum Ende des Monats bezahlen noch die Israelis den Lohn. "Auf unseren Schultern lastet eine riesige Verantwortung", sagt Freih Abu Medain, einer der drei Männer aus dem Gaza-Streifen, die zu Mitgliedern des palästinensischen Interim-Autonomierats ernannt worden sind. Abu Medain ist ein prominenter Anwalt aus Gaza-Stadt, der den Friedensprozeß von Anfang an unterstützt hat. Den Gaza-Streifen nennt er "die andere Seite des Mondes". Wenn "wir es hier schaffen, dann gelingt uns der Aufbau auch in Jericho und im restlichen Westjordanland". Der elegante, liebenswürdige Mann versucht verhaltenen Optimismus auszustrahlen: "Wir haben Kuwait aufgebaut, die Golfstaaten, dann können wir das auch hier." Es sei nötig, 60 000 bis 70 000 Arbeitsplätze zu schaffen. Doch jetzt sei es auch an der Zeit, Gesetze und Regelungen zu erlassen, betont der Jurist, damit kein Chaos ausbreche.