Solange der blaue Drachen am strahlendblauen Himmel steht, kann eigentlich nichts passieren. Yin und Yang sind im Einklang und lassen jedes chinesische Herz höher schlagen. Aber Drachen steigen Lassen ist nur ein Kinderspiel, und die Kinder werden erwachsen. Noch schneller wächst nur die junge Volksrepublik China.

Es beginnt 1953. Tietou, der Erzähler, weiß noch ganz genau, daß sich sein Geburtsdatum um zehn Tage verschob, weil Genösse Stalin ausgerechnet am geplanten Hochzeitstag seiner Eltern das Zeitliche segnete. Noch ein schlechtes Omen hing über dieser angehenden Familie. Die Gasse, in der Tietou aufwuchs, heißt "Trockener Brunnen", als würden hier irgendwann einmal alle Lebensgeister versiegen. Und so kam es auch. Nach Ausbruch der Kulturrevolution war die Straße verwaist, die Bewohner in alle Winde versprengt. Dazwischen liegen vierzehn Jahre chinesische Geschichte, erzählt aus dem Blickwinkel eines widerspenstigen Kindes, dem die Großmutter in weiser Voraussicht den Namen Tietou, "Eisentopf", Dickschädel, mit auf den Weg gegeben hat.

Tietou erzählt eine verhinderte Familiengeschichte "Vater" heißt das erste und längste Kapitel, obwohl der Vater nur kurze Zeit zu Hause war nach einer Liebesheirat, einem Fest in Rot. Der Vater wurde während der "Hundert BlumenBewegung" denunziert und kam aus dem fernen Arbeitslager nie zurück "Onkel" heißt der zweite Vater, der schuldbewußte Denunziant, der seine Dummheit wiedergutmachen wollte. Ihn raffen beim "Großen Sprung nach vorn" Krankheit und Hungersnot dahin "Stiefvater", der Dritte im Bunde, ein Parteiveteran, wird ein Opfer der Kulturrevolution. Die Roten Garden zerren den Herzkranken aus dem Haus, die Mutter kommt als Konterrevolutionärin ins Umerziehungslager. Tietou bleibt allein auf der Straße zurück, blutend. Der blaue Drachen hängt schon lange oben im Baum, zerfetzt.

Regisseur Tian Zhuangzhuang erzählt die Geschichte der Volksrepublik China als Kriegserklärung an das Volk, als Bürgerkrieg von oben, als Machtergreifung des Übervaters Mao, der keinen anderen Vater neben sich duldet und die virile chinesische Gesellschaft in eine vaterlose verwandelt. Der 1952 geborene, aus einer Künstlerfamilie stammende Tian gehört, wie sein bei uns bekannterer Freund und Kollege Chen Kaige, zur "fünften Regiegeneration". Die gefährliche Gleichung seines Films heißt: In der "klassenlosen Gesellschaft" erleiden alle das gleiche Schicksal.

Alle fragen nach dem Grund, nach der eigenen Schuld, aber der Grund heißt "Terror". Alle wohnen in der falschen Gasse, alle erleben die politischen Kampagnen, die wie Naturereignisse durch die alten Straßen fegen und nicht nur morsches Laub aufwirbeln, sondern auch die jungen Triebe abbrechen. Eine ganze Gesellschaft wird zum Opfer, der große wie der kleine Mann. Deshalb ist der Film in China verboten, deshalb soll er dort umgeschnitten werden, aber wie? "Der blaue Drachen" trägt als Erkennungszeichen die Farbe der Gelehrten, er ist ein Lehrstück, und der kleine Tietou erzählt starrsinnig, wie er ist, die Geschichte einer Enttäuschung, einer tiefen Verletzung, einer offenen Wunde, die einfach nicht heilen will. Marli Feldvoß