Von Martin Merz

Bei der modernen Variante der mittelalterlichen Zuflucht für Verfolgte öffnen sich keine Kirchentüren mehr zum Schutz an einem "heiligen Ort", der für Häscher tabu wäre: Das "Kirchenasyl", in das sich Hüsegin Sirtikara und Zeynep Pamuk mit ihren beiden kleinen Söhnen geflüchtet haben, wurde logistisch geplant und organisiert. Die kurdische Familie lebt nicht unter den Flügeln eines Altars, sondern in einer geräumigen kirchlichen Wohnung. Der Vorstand einer Hamburger Kirchengemeinde hat die Wohnung den Kurden überlassen. Zahlreiche Helfer unterstützen und versorgen die Familie. Sie halten den Aufenthaltsort vor den Behörden geheim und entziehen die Kilian so der Abschiebung in die Türkei. Es ist klar, daß sie damit, einen Rechtsbruch begehen.

Der Fall ist einer von schätzungsweise 2000 Fällen von "Kirchenasyl", die es seit 1984 in Deutschland gegeben hat. In etwa achtzig Prozent der Fälle kam es schließlich zu einer rechtlichen Duldung der Flüchtlinge im Land und damit zu einer Bestätigung der Intervention der Kirchen. Eine Hochburg der Aktionen ist Berlin, wo evangelische und katholische Gemeinden zur Zeit rund fünfzig von Abschiebung bedrohten Asylbewerbern Schutz gewähren.

Der dreißigjährige Hüseyin Sirtikara stammt aus Adana im gemischten Siedlungsgebiet von Türken und Kurden. Er arbeitete in der Türkei als Eisenflechter. Zeynep Pamuk ist 22 Jahre alt und hat als Friseuse gearbeitet. Beide berichten, daß sie in der Türkei verfolgt worden seien: "Mir wurde bei der Mai-Demonstration 1990 von Polizisten ins Gesicht geschlagen", sagt Hüseyin Sirtikara. "Ich mußte für vier Wochen ins Krankenhaus. Danach traute ich mich nicht mehr in meine Stadt." Zeynep Pamuk ergänzt: "In der Zeit wurde auch ich von der Polizei verhört und beschimpft." Freunde von ihnen seien bei der Demonstration festgenommen worden und hätten unter Folter schließlich den Namen Sirtikaras preisgegeben.

Mit ihrem Sohn Inan, der 1990 geboren wurde, kamen sie vor drei Jahren nach Deutschland. Hier wurde Firat geboren. Seit fünf Monaten leben sie nun illegal im "Kirchenasyl". "Wir leben normal", sagt Hüseyin Sirtikara, "nur die Angst haben wir nicht überwunden." Als Zeynep Pamuk den Abschiebungsbescheid erhielt, bat sie eine Frau aus der Kirchengemeinde um Hilfe.

Bevor evangelische Christen der Jubilate-Gemeinde im Hamburger Stadtteil Billstedt und ihr Pastor Thomas Hirsch sich dazu entschlossen, dieser kurdischen Familie zu helfen, machten sie sich mit den Fluchtgründen und dem Urteil des Hamburger Verwaltungsgerichts vertraut. Das Gericht hatte die Berichte von Hüseyin Sirtikara über Verhaftung und Folter, "Fußtritte und Schläge mit Knüppeln" durch die türkische Polizei in Adana, sein Engagement für die Revolutionäre Kommunistische Partei der Türkei (TDKP) und seinen Krankenhausaufenthalt wegen Polizeischlägen bei einer Demonstration für "wenig glaubhaft" gehalten. Im September 1993 lehnte es in zweiter Instanz das Asylbegehren ab.

Das Gericht erkannte auch keine "Nachfluchtgründe" in der politischen Betätigung des Kurden in Deutschland, obwohl ihm ein Ausschnitt der türkischen Zeitung Hürriyet vorlag mit einem Photo, das Hüseyin Sirtikara bei einer Demonstration vor einem türkischen Konsulat zeigt. Für Kurden, befand das Gericht, bestehe im Westen der Türkei eine "inländische Fluchtalternative", wo sie vor Verfolgung sicher seien. Das Gericht verfügte die Abschiebung. Eine Verfassungsbeschwerde lehnte das Bundesverfassungsgericht im Eilverfahren ab. Damit waren alle Rechtsmittel ausgeschöpft. Auch die Ausländerbehörde war gebunden. Ende Dezember 1993 sollte abgeschoben werden.