Kurz bevor das Manuskript abbricht, steht da ein knapper Satz, ein verzweifelter Wunsch, eine vage Hoffnung: "Jemand muß am Leben bleiben." Jemand, der sich um die Kinder kümmert. Der aufschreibt, wie es gewesen ist. Eugenia Szajn-Lewin hat beides versucht. Sie hat ihre Tochter rausgebracht aus dem Ghetto, hinüber auf die rettende, die "arische" Seite Warschaus. Sie selbst mußte bleiben und in der Fabrik eines Deutschen Wollsocken für die Wehrmacht bügeln. Und hat neben der entwürdigenden Arbeit und dem Kampf ums Essen, ums Überleben, um einen Rest Würde noch eine Art Tagebuch geführt, reportagehafte Aufzeichnungen über zehn Monate im Warschauer Ghetto. "Jemand muß am Leben bleiben", schrieb Eugenia Szajn-Lewin, die vor dem Krieg eine erfolgreiche Journalistin war, im April 1943. Im September 1944 kommt sie während des Warschauer Aufstandes um.

Daß ihre Aufzeichnungen erhalten blieben, ist die erste Sensation. Kurz vor der endgültigen Zerstörung des Ghettos gelingt ihr die Flucht; sie versteckt das Manuskript unter dem Fußboden einer Warschauer Wohnung, in einem der wenigen Häuser, die nicht zerstört wurden. Nach dem Abzug der Deutschen holt Eugenias Schwester die Notizen aus dem Versteck; Jahrzehnte später übergibt sie das Original an Eugenias Tochter. Diese Fassung geht verloren, aber eine Abschrift hat sich erhalten, die nun, von der Schwester um weniges ergänzt und fünf Jahre nach einer polnischen Ausgabe, auf deutsch vorliegt.

Die zweite Sensation ist der Text selbst. Eine Innenansicht des Warschauer Ghettos, in der jeder Absatz ein neues Rädchen im Getriebe dieser perfekten Menschenerniedrigungsmaschine beschreibt. Die Autorin versucht das nahezu Unmögliche: einen kalten, distanzierten Blick zu bewahren. Sie selbst tritt im Text als eine andere, in einer dritten Person als Ewa auf, wechselt gelegentlich in die Perspektive von Freunden, übersetzt, was sie von ihnen hört, in authentische Reportagen. Nur manchmal zerbricht die Distanz, und die scheinbare Kaltblütigkeit der Reporterin versagt vor den eigenen Gefühlen. "Warum ist die Mutter nicht in der Leszno-Straße geblieben?" fragt Ewa. Aber dann versagt die Rollenfiktion, jetzt spricht Eugenia selbst: "Mama hat keine Nummer, Mama wird nicht durchkommen."

In minutiösen Beobachtungen entlarvt die Reporterin den hinterhältigsten Trick der Peiniger: die Opfer am Funktionieren der Terrormaschine zu beteiligen, sie zu zwingen, Täter zu sein. Am deutlichsten ist dies bei der jüdischen Ghetto-Polizei. "Ihr Gehorsam ist ungeheuerlich. Sie haben eine Antwort bereit: ,Besser, wir tun es, und nicht die Deutschen.’ Sie müssen Menschen liefern – ein Kontingent –, eine Zahl für den Preis ihrer Angehörigen... Und dieses Wissen macht ihre Herzen hart."

Der ständige Druck, sich in völlig undurchsichtigen Situationen entscheiden zu müssen, ist oft unerträglicher als die offene Gewalt. Auf diese oder jene Straßenseite zu treten, kann über Leben und Tod entscheiden. Und noch die letzte Stufe in der perfekt funktionierenden Psychologie des Terrors schildern die Aufzeichnungen in erschreckender Klarheit: Nicht die Mörder, sondern die Überlebenden fühlen sich schuldig – weil sie davongekommen sind.

Immer wieder nähren die Gestapo- und SS-Leute die Illusion, daß Rettung möglich sei, und untergraben dadurch die Solidarität unter den Opfern. Aus Wehrlosen werden Komplizen. "Sie vergaß", schreibt die Akkordbüglerin Eugenia als Ewa, "daß sie für die Deutschen arbeitete. Freudig brach sie die eigenen Rekorde." Die trügerische Hoffnung, davonkommen zu können, läßt – perfideste, zynischste aller Erniedrigungen – die Opfer in den Kategorien und Hierarchien der Mörder denken. "Sind wir eine schlechte Rasse? Haben die Juden vielleicht einen anderen Charakter?" fragt einer der jüdischen Zwangsarbeiter. Bis in die Sprache der so hellsichtigen Reporterin geht die Pervertierung: Wie die Ghetto-Verwaltung redet sie von den "Illegalen", die den offiziell registrierten Bewohnern Platz weggenommen und sie in Gefahr gebracht haben. Jetzt werden die Häuser von ihnen "gesäubert".

Ganz unten gibt es immer ein noch weiter unten. Das raubt den Aufzeichnungen nichts von ihrer Eindringlichkeit, im Gegenteil. Denn in der Korrumpierung der eigenen Sprache bestätigt sich nur, was die Notizen immer wieder dokumentieren und analysieren: wie der unfaßbar bürokratische, penible und kalt funktionierende deutsche Vernichtungswillen eine eigene Sprache des Terrors schafft. Umschlagplatz, Werterfassung, Vernichtungskommando, judenrein – deutsche Wörter ohne Pendant; im polnischen Manuskript stehen sie auf deutsch. ",Ausrotten‘ – was bedeutet dieses Wort? Es läßt sich in keine andere Sprache der Welt übersetzen." Der Tod ist nicht nur ein Meister aus Deutschland. Er spricht auch Deutsch.