Von Reiner Luyken

Welkes Gras überwächst den Sperrstreifen zwischen den rasierklingenscharfen Schutzzäunen. Von ungeteerten Parkplätzen wirbelt Lehmstaub auf. Entlang der Straße schirmt eine verrußte Backsteinmauer aus viktorianischer Zeit den fast fensterlosen Kolossalbau von der Außenwelt ab. Nur die Namen über der Wachbaracke des Haupteingangs verraten, daß es sich nicht um ein schludrig zusammengeschustertes Kernkraftwerk ukrainischen Typs handelt, sondern um Großbritanniens Media-Watt-stärksten Zeitungsreaktor: Times, Sunday Times, Sun, News of the World, Today.

Videokameras, selbstauslösende Flutlichtlampen und Vollschutzdrehtüren lassen keinen Zweifel, daß man es hier mit der Sicherheit ernst meint. Drei Tages- und zwei Sonntagszeitungen, 34,4 Prozent der britischen Tageszeitungsauflage und 37,6 Prozent der Sonntagsauflage, werden in Rupert Murdochs Festungsbau in Wapping, dem ehemaligen Tabakhafenviertel gegenüber der Tower Bridge im Osten Londons, redigiert und produziert.

Jeden Abend donnert ein endloser Konvoi von Lastzügen mit der Aufschrift "TNT Newsfast" über eine mit Betonplatten abgeschirmte Rampe aus der Blattfabrik und verseucht das Land. Murdochs News International plc ist das kulturelle Tschernobyl Großbritanniens. Die aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen stammen aus der Zeit, als Rupert Murdoch in der "Schlacht von Wapping" die Gewerkschaften aus dem Zeitungsgewerbe vertrieb. Wochenlang lieferten sich Tausende ausgesperrter Drucker allabendlich Gefechte mit berittener Einsatzpolizei. In der blutigen Nacht des 3. Mai 1986 gab es über 250 Verletzte. Murdoch siegte. Die zum Hochsicherheitstrakt aufgerüstete Festung ist das Symbol der neuen Medienwelt. Als in Wapping vor acht Jahren die p anliefen, hatte er das Zeitungsmachen neu erfunden: billig, erbarmungslos marktorientiert, rücksichtslos. In der Endabrechnung kostete ihn der Sieg über die Gewerkschaften 60 Millionen Pfund. Der Wert seiner Zeitungen mehr als verdreifachte sich, von 300 Millionen Pfund auf über eine Milliarde. Schon im ersten Jahr in Wapping machte er 85 Prozent mehr Gewinn als zuvor – mit wöchentlich 33 Millionen Zeitungen, die von 570 anstatt zuvor über 2000 Arbeitern gedruckt und von 132 anstatt zuvor 1496 Mann verpackt und verladen wurden. Aus der ganzen Welt, auch aus Deutschland, pilgerten Chefredakteure und Verlagsleiter nach Großbritannien, um das Zeitungswunder von Wapping zu bestaunen. Banken, vor allem die New Yorker Citybank, waren derart beeindruckt, daß sie Murdochs nun unersättlichen Expansionsdrang mit so gut wie unbeschränkten Krediten fütterten.

News Corporation, Murdochs australische Holding, war damals ein mittelgroßer Medienkonzern mit miserabler Reputation – ein Konzern ohne Strategie und Kontinuität, getrieben nur von der opportunistischen Raffgier eines Mannes. Heute hat sich dieser Mann zum Protagonisten der schönen, neuen Welt der Information Highways, des "interaktiven Fernsehens" und der Satellitenvernetzung der Menschheit aufgeschwungen. Sein Medienreich umspannt die fünf Kontinente.

News International ist die europäische Kolonialverwaltung. Hier, in Wapping, führt seine handverlesene Schar von Statt- und Steigbügelhaltern vor, wie die neue Welt aussehen wird. Eine Welt, in der unkontrollierte, transnationale Medienmacht wie der Niederschlag des explodierten Atommeilers in der Ukraine das Leben kontaminiert. Murdochs Blätter sind nicht nur seit eineinhalb Jahrzehnten die Garanten des von Margaret Thatcher über Großbritannien verhängten Einparteienregimes der Tories; sie ließen nicht nur die Monarchie wanken, zerstörten die Gewerkschaften und trieben der Labour-Partei den Sozialismus aus. Sie manipulieren und intrigieren schamlos im Interesse des Konzernherrn und seiner Ideologie. In Rupert Murdochs Information society sind Wissen und Nachrichten Handelsware, willkürlich verwertbar und allein den Gesetzen des Marktes unterworfen. Sie ist das Ende der Aufklärung.

In dieser Welt der Korruption von Wort und Sinn gibt es kaum ein Entkommen. "Ich lese fast überhaupt keine Zeitungen mehr", sagt der bekannte Regisseur und ehemalige Intendant der BBC, Jonathan Miller. "Man kann sich genausogut im Abfluß eines Klärwerks duschen. Die Verschmutzung der Murdoch-Blätter hat alle unsere Zeitungen angesteckt, sogar den Guardian. Kultur ist tot in unserem Land. Die ernsthaften Sonntagszeitungen gibt es nicht mehr, die sich an die Intellektuellen und Liberalen wendeten. Intellektuell und liberal sind nur noch Schimpfworte."