Von Helga Hirsch

In Ungarn ist der Stalinismus lebendig." Als der Budapester Zeitungsverkäufer István G. den Kommentar des ehemaligen italienischen Präsidenten Francesco Cossiga zur ersten Runde der ungarischen Parlamentswahlen las, war er nicht einmal empört. Er lachte nur verächtlich. Was versteht der Westen Europas schon von seiner östlichen Mitte? Die einen vermuten überall wildwuchernden Nationalismus mit kleinen Schirinowskijs; die anderen fürchten eine Wiederkehr der kommunistischen Diktatur. Dabei ist das eine so falsch wie das andere.

In den Visegrad-Staaten, zu denen neben Polen, Ungarn und der Slowakei trotz aller Distanzierungen ihres Ministerpräsidenten Václav Klaus auch die Tschechische Republik zählt, ist augenblicklich weder ein starker Rechts- noch Linksextremismus erkennbar. Vielmehr findet eine Wende von der rechten zur linken Mitte statt. In Polen sitzt die Sozialdemokratie (die gewendete kommunistische Partei) bereits in der Regierung; in Ungarn siegten die postkommunistischen Sozialisten mit starker Überlegenheit in den Parlamentswahlen, und in der Slowakei zog die KP-Nachfolgeorganisation "Demokratische Linke" bei Meinungsumfragen fast mit der Partei des gestürzten Ministerpräsidenten Vladimir Mečiar gleich: Vor fünf Jahren wäre dies eine unvorstellbare und moralisch äußerst anrüchige Entwicklung gewesen.

Damals war der Protest zwangsläufig von liberalen und konservativ-nationalen Forderungen getragen, richtete er sich doch gegen eine Diktatur unter linkem Vorzeichen. Freiheit galt mehr als Gleichheit. Und die Sehnsucht nach Freiheit belebte den Nationalismus.

"Menschen, die ihre Nation befreien wollen, möchten bei sich sein", sagt der Philosoph Leszek Kolakowski, und "die verzweifelte Suche der nachkommunistischen Welt nach nationaler Identität ist ein Zeugnis dieses Bedürfnisses." Überall in Osteuropa wurden gewaltsam ausgegrenzte Traditionen wieder aufgenommen und diskreditierte Nationalhelden rehabilitiert. Verschmähte Wahrzeichen und Symbole kehrten an ihre historischen Orte zurück – nicht selten zum Befremden des Auslands. Denn bei der Wiederbelebung von Vorkriegstraditionen verschwomm so manches Mal die Grenze zu ihren extremen – revanchistischen, antisemitischen, autoritären – Bestandteilen. Der Westen Europas blickte irritiert auf seinen Osten und malte sich Schreckensbilder von Chauvinismus, Aggressionen, Grenzrevisionen und Krieg aus.

Doch die Furcht, im Osten Mitteleuropas könnte sich das Drama Jugoslawiens wiederholen, erwies sich als unbegründet. Die Slowaken trennten sich auf zivilisierte Weise von den Tschechen; Revisionsansprüche einiger Ungarn auf Siebenbürgen, die Südslowakei und Teile der Vojvodina wurden nie Bestandteil der offiziellen Außenpolitik; und die Konflikte mit den jeweiligen Minderheiten, manchmal aus innenpolitischen Gründen hochgespielt, entschärften sich im Laufe der Zeit von selbst.

Für István Csurka, den geifernden Antisemiten, stimmten bei den ungarischen Wahlen nur anderthalb Prozent der Wähler. Auf slowakischer Seite hat die neue Regierung unter Ministerpräsident Josef Moravčik den Dialog mit der ungarischen Minderheit wieder aufgenommen.