Der Held, ein Mann ohne Eigenschaften. Woody Allens Zelig steht ihm nahe, das Chamäleon der Geschichte, das seine Vita mit den Umständen wechselt. Waldemar Müller heißt der traurige Held dieser Serie, Gaston Salvatore ihr Autor, und Hans Magnus Enzensberger hat ihr einen Trailer verpaßt. Der "Abgeordnete unserer Befürchtungen" wird Müller darin genannt, der "ideale Gesamtarbeiter im zähen Familienkrach der Vereinigung", der "Stellvertreter" der Republik: "Waldemar Müller, ein deutsches Schicksal". Wer ist Waldemar Müller?

Ein Phantom. Gesichtet erstmals 1980, verschollen seit zehn Jahren, meldet es sich jetzt zurück in die Gegenwart. Die Wiedervereinigung ist der Anlaß für seinen neuerlichen Auftritt auf der Hinterbühne deutscher Verhältnisse. Waldemar Müller, Journalist. Oder: Angestellter der Berliner Tiefbau AG und einer Düsseldorfer Fahrstuhlfabrik, Reichsbahnbeamter (Ost), Kreativer bei McKay & Lennhardt (West), Kundenberater bei der Verdener Sparkasse, Prokurist einer Kölner Fertigfensterfabrik, Hausmeister in Frankfurt, Bundestagsabgeor drieter, Polizeikommissar, Chirurg. Waldemar Müller und Horst Mahler, Waldemar Müller und Rudolf Bahro, wo immer man hinblickt, ist Müller schon da. Scheinbar ebenso robust und unverwüstlich wie die Gesellschaft, als deren Inbegriff er gilt: die Bundesrepublik. Waldemar Müller, der vielfache Verwandlungskünstler, bleibt sich im Innersten gleich. Er ist der Minenhund unserer Lebenswelt, der die Ressentiments und Selbsttäuschungen, die Paranoiker und die Pharisäer dort antrifft, wo sie sich üblicherweise aufhalten: in Ämtern und Büros, in Eigenheimen und Agenturen, am Konferenztisch und auf der Kaffeefahrt.

Erster Auftritt: Waldemar Müller, der Frankfurter Lokalredakteur auf dem "Lagunen Gipfel" von Venedig. Der Ersatzmann, ein Starreporter wider Wülen, der mit einem Artikel reüssiert, den er nicht geschrieben hat. Eine doppelte Verwechslung mit verwickelten Folgen. Ohne eigenes Zutun spült sie den Verlierer nach oben. Ein Scoop, der an Evelyn Waugh erinnert, schnell skizziert, mit satirischer Schärfe. Müllers Emporkommen eine Farce, grell plakatiert und so trivial bunt berichtet wie es dem Geschehen entspricht. Fürs "Rheingold" hatte Waldemar Müller japanischen Pulverwein mit Bier vermischt um das gülden glänzende Produkt auf den deutschen Markt zu boxen. Eine teuflische Idee, wie sich herausstellt. Später wird er Fahrstühle nach China verkaufen und bei dem Versuch scheitern, die Arabischen Emirate mit Fertigfenstern zu beliefern. Aberwitzige Konstruktionen sind das, beschrieben in Slapstick Manier, überdreht wie ein Stummfilm mit Buster Keaton. Und dennoch erschöpft sich nicht alles im sorgsam ausfabulierten Unterhaltungsplot. Realismus ist schließlich auch im Comic zu finden, dessen Wirklichkeitsgehalt manchem Stück deutscher Gegenwartsliteratur ohnehin überlegen scheint. So ist am Ende viel Wirklichkeitssinn in dieser Groteske, die oft nicht abstruser auftritt als die Nachrichten zur Prime time. Typisierend schematisch und individuell treffend zugleich ist dieser Stellvertreter gezeichnet: der tragikomische Gesamtdarsteller der Deutschen. Anonym erschienen die seltsamen Lebensgeschichten des Waldemar Müller erstmals in Transbefördert wurde, hatte der Autor Gaston Salvatore an anderer Stelle sein Coming out: Wohlwollende Portraits von Alfred Dregger und Otto Wolff von Amerongen hatte der stern gedruckt, woraufhin der Spiegel die emblematische Schlagzeile fand: "Ein Papagallo der Prominenz". Stürme im Goldfischglas könnte man meinen, doch die Pressefehde von ernst gibt Aufschluß auch über den tückischen Hintersinn der Waldemar Müller Serie. Schon mit ihr brachte Salvatore Bewegung in das starre Lagerdenken deutscher Autoren, fast ein Jahrzehnt bevor auch in dieser Republik die alten Gewißheiten plötzlich wegrutschten.

Ein gelenkiger Held irrlichtert durch vertrackte Geschehnisse, deren Bewertungen sich nicht von selbst verstehen. Who is who, das ist nicht immer auszumachen. Schwerer noch fällt es, Gut und Böse auseinanderzusortieren. Schurke und Lichtgestalt, das geht hier oft zusammen und kommt schließlich zur Deckung in einem Mittelmaß, dessen wahnhafte Züge sich nur langsam offenbaren. Allmählich erschließt sich eine Welt wunderlicher Figuren, deren Normalität die Abweichung ist und deren Abweichung die Norm "Unter ihnen befinden sich porschefahrende Fliesenleger, Töchter von Polizeipräsidenten, die nach wie vor auf den MarxismusLeninismus schwören, gemüseanbauende frühere Leiter der Vertriebsabteilung, Stasioffiziere, die als Heiratsschwindler malochen, habilitierte Penner, psychoanalytisch vorgebildete Postboten, Kriminelle, die direkt dem Vorstand unterstellt sind, und niederbayerische Bauernsöhne, die eine Windsurfer Boutique in Westberlin oder ein Squash Center auf Gran Canaria aufmachen Eine keineswegs vollständige Liste, wie Enzensberger in seinem Trailer anmerkt. Politisch korrekt ist dem nicht beizukomme% wohl aber mit Ironie. So steht Waldemar Müllers jetzige Wiedergeburt im Zeichen deutsch deutscher Ernüchterung. Seinen absonderlichen PR Ideen für Olympia 2000 ist kein Glück beschieden, wohl aber der Reise ins "grüne Herz Deutschlands".

In Bad Langensalza, Thüringen, feiert Amtsgerichtsrat Waldemar Müller seinen letzten Triumph. Bratschekuchen und Deckelplätzchen, der Trabi und der Plattenbau, sie sind wieder da. Die Berliner Mauer en miniature, Wachturm inklusive, steht vor den Toren der Stadt. Der "große Wind" ist vergessen. Im Maßstab eins zu eins wird die DDR restauriert - als Freizeitpark. Und Waldemar Müller? Er kann sagen, er ist dabeigewesen. Ein deutsches Schicksal in 25 Folgen; Eichborn Verlag, Frankfurt a M. 1993; 340S, 48 DM