Von Gunter Hofmann

Berlin

Die Mehrheit ist eindeutig, die Gefühle sind gemischt. Der siebte Bundespräsident nach Heuss, Lübke, Heinemann, Scheel, Carstens und Weizsäcker erhielt in der Bundesversammlung zuletzt 696 von 1319 gültigen Stimmen. Auf Johannes Rau entfielen 605. Roman Herzog, sechzig Jahre, derzeit Präsident des Verfassungsgerichts, folgt Richard von Weizsäcker nach.

Was in "bewegenden Stunden" gesprochen wird, soll man nicht immer auf die Goldwaage legen. Aber diesmal? Der Frischgewählte war seiner Mehrheiten doch ganz sicher. So besehen ist Herzogs erste kleine Rede, auf dem Notizzettelchen vorentworfen, schon einen näheren Blick wert. Und nicht nur der Tränen wegen, die der Redner niederkämpfte, als er vom unerwarteten "Wunder" der Einheit sprach.

Was meint also bloß Herzogs Botschaft von der neuen Unverkrampftheit, was heißt das Wort überhaupt, und setzt er damit willentlich oder unwillentlich einen ersten Kontrapunkt zu der Grundmelodie, die man aus den Weizsäcker-Jahren im Ohr hat? Unverkrampft war Richard von Weizsäcker ja gewiß, wozu gehörte, daß er es nicht hinausposaunt hat.

Ist das bei Herzog eine Chiffre für etwas, was andere die neue Normalität nennen? Das möchte er doch kaum sagen. Denen, die in diesem Sinn die Vergangenheit vergehen lassen wollen, hat er bis zum Wahl-Tag noch stets widersprochen.

Er wolle Deutschland so repräsentieren, "wie es wirklich ist, friedliebend, freiheitsliebend, leistungsstark, um Gerechtigkeit zumindest bemüht, zur Solidarität bereit, tolerant, weltoffen und – was mir fast das Wichtigste erscheint, meine Damen und Herren – unverkrampft". Meint er, daß es so ist? Möchte er es so haben? Will er es so sehen? Das weiß keiner.