Jackie - immer noch verbindet sich ihr Name mit der großen Veränderung im Jahr 1961. Unverbrauchte Energie brachten die Kennedys nach Washington. Ungeahnte Vitalität pumpten sie in die Metropole, die eine verschlafene Stadt des amerikanischen Südens geblieben war. Harry Truman hatte einen Firnis von Nüchternheit über das Weiße Haus und die Hauptstadt gezogen, eine Schlichtheit, die vollends zu Langeweile geriet, als der Kriegsheld Eisenhower das Image des Großväterlichen verbreitete. Er erlaubte den Amerikanern, das zu tun, was sie am liebsten tun, nämlich ein Haus und ein Auto zu kaufen und Washington überhaupt nicht wahrzunehmen. Leben war anderswo.

"Die Kennedys waren förmlich physisch zu spüren", erinnert sich David Waters, damals ein junger Beamter im State Department "Man sah sie schwimmen und reiten, sich knuffen und in den Pool schubsen, diskutieren und mit Ideen Florett fechten. Wer mit ihnen bei Tisch saß, mußte etwas bieten - oder er wurde nicht mehr eingeladen " Und all das zeichnete sich ab im grauen Schnee des Schwarzweißfernsehens, lief übers Radio ins Land und rief Scharen von Korrespondenten ins Magnetfeld des Präsidenten. Und seiner Frau. Jackie war ein unverwechselbarer Teil davon. Denn so gewiß Jacqueline Bouvier nicht First Lady geworden wäre, hätte sie nicht John F. Kennedy geheiratet, so gewiß wäre Kennedys Präsidentschaft ohne Jacqueline nicht das geworden, wofür eine Mehrzahl von Amerikanern sie bis heute hält: eine Sternstunde. Sternstunden sind kurz. Es ist ja nicht einmal sicher, ob die beiden zusammengeblieben wären, hätte Kennedy nicht den Sprung ins Weiße Haus geschafft "Die Amerikaner sind auf jemanden wie dich nicht vorbereitet", erklärte er ihr kaltschnäuzig. Das Gegenteil traf ein. Sie war schon als Wahlkampfhelferin wirksam: attraktiv, schwanger und mit ihrer sanften, ans Laszive grenzenden Stimme, die Männer zu unterschiedlichsten Kommentaren provozierte. Jacqueline andererseits, obwohl auf einiges gefaßt, war tief getroffen, daß ihr Mann 1956, als die damalige Senatorengemahlin ihre zweite Fehlgeburt zu verkraften hatte, keine Lust verspürte, eine Kreuzfahrt abzubrechen. Hartnäckig halten sich Gerüchte, Schwiegervater Joe Kennedy habe Jacqueline damals eine Million Dollar angeboten, um die Ehe zusammenzuhalten, in berechnender Vorausschau. Indes: Als die Kennedy Präsidentschaft Wirklichkeit wurde, war Jacqueline entschlossen, alles in ihren Kräften Stehende für ihren Erfolg zu tun.

Da gab es viel zu bedenken: die Erwartungen des Landes; die Art und Weise, wie ihre Hingabe an die Aufgabe zu zeigen wäre; die Unlust an der Politik; last, not least der Schutz ihrer Privatsphäre. Menschen wie Jacqueline - so glaubt einer ihrer nimmermüden Verehrer , die in ihrer Kindheit zwar den Reichtum der Monstervillen von Rhode Island erfuhren, sonst aber meist allein waren, hatten sich früh ihre eigene Welt gezimmert und dann den schützenden Zaun darum errichtet. Auch die garstigen Umstände der Scheidung der Eltern standen über dieser Kindheit, verbunden mit frühen Einsichten in die Sex- und Sittenusancen der Hautevolee. Trauriges war oft um die Ecke. Sie liebte den Vater innig. Aber als sie ihn als Brautführer brauchte, verschlief er den Augenblick im Whisky Rausch auf seinem Hotelzimmer. John Davis, ein Vetter Jacquelines, überliefert in seinem Buch "Die Bouviers", daß Jacqueline schon in Kindheitstagen durch ihren Intellekt und die "glühende Unabhängigkeit ihres Innenlebens" aufgefallen sei. Aber, so beobachtete der Vetter weiter: "Es war diese Kombination aus innerer Selbstgenügsamkeit einerseits und Bedarf an Aufmerksamkeit andererseits, die ihre Angehörigen rätseln ließ und die später die ganze Welt abwechselnd bezaubern und verwirren würde "

In der Nomenklatur des Neuengland Adels hatte Jacquelines Familie einen besseren Rang als die Kennedys. Ihr Geld war "älter", der Stammbäum länger, und während die Abkunft der Kennedys deutlich irisch war, war die Jacquelines definitiv französisch. Ein Studium an der Sorbonne hatte nicht nur ihren Neigungen für Frankreich den sprachlichen Zuschnitt gegeben, es hatte auch ihren Sinn für Kunst und Geschichte, für Literatur und Architektur entwickelt. Einer Reise nach Paris bedurfte es schließlich (1961) und der Beobachtung, wie der kantige Charles de Gaulle in Jacquelines charmantem Mix von Bildung und Anmut förmlich schmolz, damit der Präsident die außerordentliche Rolle seiner Frau für seine Präsidentschaft voll begriff. Scherzhaft, aber nicht unernst stellte er sich vor als der Mann, "der Jacqueline Kennedy nach Paris begleitet".

Ihr Sinn für Geschichte. Das war vielleicht Jacquelines nachhaltigste Herausforderung. Er blieb erkennbar in den lichten Tagen im Weißen Haus und in den düstersten Stunden. Staunend hing die Nation am Fernsehschirm, im Frühjahr 1962, als Jacqueline Kennedy einem CBS Reporter das Weiße Haus vorführte: von ihr neu eingerichtet und mit letztem Perfektionismus den Bestimmungen diplomatischer Festlichkeit der westlichen Führungsmacht übergeben. Selbst war sie auf staubigen Speichern herumgeklettert, um die passenden Möbel zu finden; selbst hatte sie Sammelkomitees gegründet. In Fragen des Geschmacks war sie firm. Bisweilen auch apodiktisch. Da hatte man im Gästehaus des Präsidenten eine Wandtäfelung angebracht. Rosenholz. Mit Bienenwachs eingerieben. Jackie kam, stutzte und befahl: "Weiß übermalen!" Nur lichte, helle Farben ließ sie gelten, Einwände nicht.

Noch größeres Prestige erwarb sie sich durch ihr geschichtliches Verständnis und Selbstverständnis in der Stunde größter Tragik. Als ob sie alle Trauer stellvertretend für das Land übernehmen und ihr auch noch Perspektive geben wollte, so agierte sie vom Augenblick der Ermordung John F. Kennedys in Dallas bis zu seiner Bestattung auf dem Heldenfriedhof in Arlington: trug, für alle sichtbar, das blutbespritzte Chanel Kostüm, als sie zehn Stunden nach dem Attentat in Washington aus dem Flugzeug stieg, entschied alle Einzelheiten der Beerdigung und schritt dann, Sohn John an ihrer rechten, Tochter Caroline an der linken Hand, zur dumpfen Trommel hinter dem Sarg. Die Trostverheißung eines Rituals für eine Welt, die schockiert die Verwundbarkeit der größten Demokratie durch einen Wahnsinnsschützen zur Kenntnis nahm, hatte Jacqueline Kennedy voll erfaßt. Vierunddreißig Jahre Viele Amerikaner haben sich buchstäblich das Maul zerrissen, als Jacqueline Kennedy fünf Jahre danach den griechischen Reeder Onassis heiratete. Verrat, schrien sie. Andere sprachen von Flucht und ihrem finanziell unleugbar hohen Sicherheitsbedüfnis. Der New Yorker bescheinigte ihr einen Sinn für "Realpolitik". Mußte sie sich nicht von der Kennedy Sippe absetzen, zumal nachdem auch Bobby Kennedy ermordet worden war? Die Freunde verstanden. Die sie für amerikanisches Eigentum hielten, verstanden nicht. Jacqueline Kennedy Onassis, 1975 zum zweiten Mal verwitwet, hat die letzte Phase ihres Lebens für sich selbst reserviert. In New York fand sie, was in den turbulenten Jahren zuvor nicht möglich gewesen war: einen eigenständigen Beruf und einen verläßlichen Gefährten. Sie wurde Lektorin im Verlag bei Doubleday, und das nicht nur pro forma. Und der Gefährte, Maurice Tempelsman, hatte unter anderem den Vorzug, ihr mit Onassis ausgehandeltes Vermögen nicht zu verwalten, sondern auch zu mehren, und zwar beträchtlich. Memoiren hat sie nicht geschrieben, und was sie an mündlicher Geschichte hinterläßt, ist zum größten Teil bis zum Jahre 2067 verschlossen. Ein Interview mit Theodore White nach dem DallasAttentat darf ein Jahr nach ihrem Tode veröffentlicht werden. Doch das fast sechs Stunden lange Gespräch mit einem autorisierten Chronisten, 1967 aufgezeichnet, muß nach Jacquelines Willen einhundert Jahre im Archiv liegen.

Der Tod kam schnell. Für Fragen nach dem Warum läßt ein spät erkannter Lymphdrüsenkrebs keine Zeit. Aus der Entscheidung, die letzten Tage zu Hause zu verbringen, sprach noch einmal die Fähigkeit zu klarer Einsicht. Ihr Wunsch, an der Seite John F. Kennedys beerdigt zu werden, faßt ihren Sinn für Geschichte wie ein Dokument zusammen.