Was für ein Tag im Parlament, Mitte letzter Woche. Rita Süssmuth gedachte der vor fünfzig Jahren in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma. Dann debattierte man über die Ausländerhatz in Magdeburg; wenig später ging es um einen Tag der Erinnerung an den Judenmord unter den Nazis. Und schließlich ging es um die Strafbarkeit der Auschwitz-Lüge.

An Worten der Empörung hat es nicht gefehlt. Auch Worte der Selbstanklage fielen: "Unser Land beginnt sich zu verändern, ohne daß wir es aufhalten", sagte Jürgen Schmude (SPD). Er erinnere sich noch daran, "daß wir einmal ein Volk von Wegsehern waren". – "Wie nun wieder in Magdeburg", fügte Burkhard Hirsch (FDP) hinzu.

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In allen diesen Mahnungen schwingt ein Unterton trauriger Verwunderung mit: Wie konnte es dazu kommen? Und manche wehren sich, suchen Trost nach dem Motto, daß doch eigentlich nicht sein kann, was nicht sein darf.

Rolf Olderog (CDU) suchte den beliebten Ausweg, daß die Medien vielfach falsch und übertrieben berichtet hätten. Und im übrigen gebe es "Grenzen dessen, was ein Volk an sozialer Integration leisten kann". Monika Brudlewsky (CDU) redete gar von einem "Schauprozeß", welcher der Polizei nun auch im Bundestag gemacht werde. Ihre vom Sitzungspräsidenten gerügte Rüge richtete sich gegen Gregor Gysi (PDS) und Christel Hanewinckel (SPD), die beide von der Blindheit gegenüber rechts gesprochen hatten.

Nicht nur Gysi hat Nachtgedanken, wenn er sich vor Leuten ängstigt, die eines Tages das Verbrechen an den Juden und anderen nicht mehr nur leugnen, sondern sich gar mit Stolz erinnern könnten. Was ist es da für eine Münze, wenn Roswitha Wisniewski (CDU) vermutet, die PDS schlage den 9. November als Erinnerungstag vielleicht nur deshalb vor, um das Andenken an den Fall der Mauer zu verdrängen?

Auschwitz so zu bestreiten, daß keine Ahndung möglich ist, dem hat das Parlament inzwischen endgültig einen Riegel vorgeschoben. Der Gedenktag und sein Datum freilich bleiben umstritten. Dabei ist alles so einfach. Nirgendwo, sagte Hans de With (SPD), zeige der Rechtsextremismus sein Gesicht wieder so deutlich wie hierzulande, und kein Land habe eine furchtbarere rechtsradikale Vergangenheit als Deutschland.