Betriebshof Essen West, kurz vor sieben Uhr morgens. Die Männer von der Müllabfuhr treten ihren Dienst an "Na, haste schon gefrühstückt?" fragt Vorarbeiter Wilfried Sommer den Reporter gut gelaunt "Spätestens in den Türkenkellern kotzte das wieder aus Personalrat Heinrich Walter, der den Reporter begleitet, schaut alarmiert drein und versucht zu relativieren: "Die Ausländer und Asylbewerber haben eben etwas andere Sitten. Die schachten Tiere und werfen die Innereien mitsamt dem Blut in die Mülltonnen Vorarbeiter Sommer ergänzt dröhnend: "Im Sommer, wenns heiß ist, laufen die Tonnen von alleine - alles voller Maden!" Zur Besatzung von Sommers Müllfahrzeug gehören außer ihm und dem Fahrer noch vier weitere Männer. Essen zähle zu den wenigen Städten, die bei der Müllabfuhr noch einen Füll Service bieten, sagt Personalrat Walter. Die Anwohner müssen ihre Tonnen nicht selber auf die Straße stellen; das machen die Müllader, wie sie sich offiziell nennen. Doch viele Leute wüßten die gute Bedienung wenig zu schätzen, erzählt Vorarbeiter Sommer. Wenn er und seine Leute an den Haustüren klingelten, um an die Tonnen heranzukommen, würden sie oft beschimpft: "Was soll die Klingelei? Ich hab Nachtschicht und brauche meinen Schlaf "

Die Mülltonnen müssen leicht zu erreichen sein. In der Essener Abfallsatzung heißt es: "Der Transportweg vom Standplatz der Abfallbehälter bis zur Fahrbahn der Straße darf höchstens 15 Meter betragen, nicht durch Hausflure oder Treppenhäuser führen und muß mindestens 1 00 Meter breit und frei von Treppen und Stufen sein Und: "Standplätze in Kellerräumen sind grundsätzlich nicht statthaft "

Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? "Dienstags, mittwochs und donnerstags haben wir nur Kellerreviere", sagt Sommers Müllfahrer Peter Heinrich. Der Bezirk gehört zum Zentrum von Borbeck, Essens größtem Stadtteil, mit vielen Läden, Kneipen und Wohnblocks. Die Mülltonnen stehen in den Kellern. Die Transportwege sind länger als fünfzehn Meter und führen durch Hausflure und Treppenhäuser. Aus den Häusern mit Geschäften im Erdgeschoß können die Tonnen oft nur über uralte Lastenaufzüge, von den Müllmännern mit einer Handkurbel zu bedienen, nach oben befördert werden. Ja, bei Neubauten, sagt Personalrat Walter, würden die Vorschriften der Abfallsatzung eingehalten.

So haben die Müllader in Altbauvierteln unter einem historischen Versäumnis zu leiden: daß nämlich "beim Bau der Häuser für die zumeist von der Stadtverwaltung gelieferten Müllbehälter keine Plätze vorgesehen" wurden, wie der Hannoveraner Oberbaurat Otto Tope schon in seinem 1953 erschienenen und reich illustrierten Buch "Die Mülltonne - Ein Stiefkind der baulichen Städtegestaltung" monierte. Die Tonnen "mußten daher an zufällig zur Verfügung stehenden Stellen untergebracht werden, sei es nun in Vorgärten, in Kellern, auf Höfen, in Tordurchfahrten, selbst auf Baikonen und auf dem Dachboden. Hierdurch ergaben sich für die mit dem Abtransport der vollen Tonnen beschäftigten Arbeiter wahre Leidenswege, die auch heute noch Tag für Tag gegangen werden müssen. Unfälle der Müllwerker durch Stürze, Zerrungen, Prellungen, Brüche, Quetschungen, Hautabschürfungen, Verhebungen, Hand- und Fußverletzungen waren und sind heute noch an der Tagesordnung", klagte Tope, dem sich in der "Unterbewertung der Müllabfuhr" generell "die Abneigung, sich mit Abfall und Schmutz zu befassen", offenbarte.

Aber die hindernisreichen Transportwege sind es nicht allein. Kaum jemand hält sich an die Gewichtsgrenze. Das "Nettogewicht" der weit verbreiteten 110 Liter Tonne zum Beispiel darf nicht mehr als 70 Kilogramm betragen "Da gibt es so Idioten", schimpft Müllader Sommer, "die füllen eine ganze Tonne mit Katzenstreu. Die kriegste mit zwei Mann nicht hoch Andere versuchten, die Müllwerker für dumm zu verkaufen. Sommer: "Die kippen unten schweren Bauschutt oder Asche rein und obendrauf irgendwas Leichtes " Seit Oberbaurat Tope sein Müll Lamento veröffentlichte, hat es indes eine Neuerung gegeben: Die damals üblichen Blechtonnen sind - wenigstens in der alten Bundesrepublik - durch Kunststofftonnen ersetzt worden, die nur etwa ein Viertel soviel wiegen. Doch die Arbeit ist dadurch nicht unbedingt leichter geworden: Wo früher drei Blechtonnen gestanden hätten, stünden heute sieben Kunststofftonnen, sagt Müllader Sommer. Seit einiger Zeit gibt es Mülltonnen auf Rädern. Sie erleichterten die Müllabfuhr ungemein, werben die Hersteller. Die Müllbehälter brauchten nicht mehr zum Müllfahrzeug getragen, sondern könnten gerollt werden. Vorarbeiter Sommer hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig "Solange wir noch Keller haben, ist die neue keine Erleichterung", sagt er, denn sie müsse Stufe für Stufe hochgewuchtet werden. Die alte Rundtonne sei leichter zu handhaben: "Ein alter Fuchs trudelt die "

Ja, wenn die fahrbaren Tonnen "über Treppen gezogen werden müssen, ist das sicher ein Problem", konzediert Gerhard Schlagberger vom Bundesverband der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand, der maßgeblich an der Einführung der Tonnen auf Rädern beteiligt war. Aber "die total ideale Lösung", so Schlagberger, "gibt es nicht".

Kaum ein Müllader erreicht das Rentenalter in seinem Beruf. Die meisten werden auf ihre alten Tage Museumswärter oder betreuen die "Sozialräume" der Stadtverwaltung. Abgesehen vom Streß, etwa durch den Autoverkehr, mache das ständige Heben und Schleppen krank. Heinrich rechnet vor: Zweimal am Tag wird sein Müllauto voll. Das sind knapp 20 000 Tonnen Müll - macht für jeden Müllwerker 4000 Tonnen Müll am Tag. Rücken- und Hüftleiden, sagt Personalrat Walter, seien die häufigsten Berufskrankheiten.