ern kennen nur wenige Franzosen. Aber vom Bundesverfassungsgericht, dem Herzog vorsteht, ist in Frankreich oft die Rede, als einem Modell. Viele Politiker bemühen sich darum, daß es auch dem einfachen Bürger möglich gemacht wird, wie in Deutschland direkt das Verfassungsgericht, den Conseil constitutionnel, anzurufen. Auf der internationalen Ebene, die Weizsäcker als Diplomatensohn von Kindheit her kannte, ist Herzog noch wenig aufgetreten: Man wird ihn mit einiger Spannung erwarten, obgleich die informierte Öffentlichkeit weiß, daß dem hiesigen Präsidenten als politische Potenz eher der Bundeskanzler entspricht, sehr zum Bedauern des scheidenden Staatsoberhaupts, das es sich wohl manchmal zugetraut hätte, anders als der Kanzler, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Daher sieht man in Paris zunächst in der Wahl von Roman Herzog einen Erfolg von Helmut Kohl, dessen Chancen für die Bundestagswahl hier lange eher negativ beurteilt worden waren. Auch in Frankreich geht ja im Mai 1995 eine Präsidentschaft zu Ende. Deshalb ist unsere politische Klasse über etwas mehr Stabilität beim wichtigsten Partner eher erfreut. französischer Publizist, Überlebender von Dachau unserer Gesellschaft mit einer Arbeitslosigkeit beunruhigenden Ausmaßes, mit andauernder Wohnungsnot, mit zunehmender Polarisierung zwischen Arm und Reich, mit beängstigender Zunahme der Individualisierung und Abnahme der Bereitschaft zur Solidarisierung und schließlich mit zunehmender Gewaltbereitschaft vor allem gegen die nichtdeutsche Bevölkerung bleibende Spuren hinterlassen. Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhaß haben im letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts überall in Europa und besonders in Deutschland alarmierend zugenommen. Mitten in dieser konfliktreichen Phase seiner Entwicklung ist Deutschland und ist das deutsche Volk dabei, eine neue Orientierung zu finden und eine neue Identität als wiedervereinigter Staat zu entwickeln.

Der scheidende Präsident, Richard von Weizsäcker, ist seinen Aufgaben als hohe moralische Autorität für die innere und äußere Integrität Deutschlands, als Partei für Randgruppen und Unterprivilegierte, als unbequemer Mahner für mehr Gerechtigkeit und Solidarität in hohem Maße gerecht geworden. Ob Roman Herzog sich nicht nur als Präsident aller Deutschen, sondern aller Einwohner dieses Landes hervortun wird, werden wir sehen. Im Gegensatz zu seinen Äußerungen zur Doppelstaatsbürgerschaft erwarten die rund sieben Millionen Nichtdeutschen auch in dem neuen Bundespräsidenten einen Fürsprecher für ihre Belange und berechtigten Forderungen.

Politikprofessor, SPD-Bürgerschaftsabgeordneter in Hamburg