Wären die Befreier von Paris seiner habhaft geworden, dann hätten sie im Jahre 1945 den Kollaborateur Louis-Ferdinand Destouches alias Céline vor ein Sondergericht gestellt oder kurzerhand erschossen. Heute stellen die Franzosen Louis-Ferdinand Céline neben Marcel Proust und feiern ihn als einen der größten Dichter des Jahrhunderts.

Als vor genau fünfzig Jahren, unmittelbar nach der Landung der Alliierten in der Normandie, Céline seine Koffer packte, seine Konten abgraste und sich das Vermögen von einer Million Franc in seine Weste einnähen ließ, ging es nicht um seinen Ruhm und nicht um seinen Ruf, es ging um sein Leben. Er ahnte nicht im Traum, daß im Herbst 1993 das literarische Frankreich dem vierten Band seines Gesamtwerks entgegenfiebern, daß man ihn allerorten als Erneuerer der französischen Sprache, als stilistisches Originalgenie feiern würde (das man beim ersten Blick auf seine von Punkten übersäten, wie spitzengeklöppelten Seiten erkennt), aber daß seine berüchtigten rassistischen Hetzschriften so vollständig vergessen, aus dem Verkehr gezogen, in ihrer physischen Existenz ausgelöscht sein würden, daß außer ein paar versessenen Spezialisten, die sie auf dem schwarzen Büchermarkt zu horrenden Preisen erwerben, nicht einmal mehr die Historische Bibliothek von Paris ein Exemplar der "Bagatellen für ein Massaker" oder der "Schule der Kadaver" in ihrem Register führt.

Auf deren Herausgabe wird man noch lange warten müssen, denn in grotesker Allianz haben sich Freund und Feind verbündet, um drei zentrale Werke des weltberühmten Autors zu unterdrücken: Céline durch testamentarische Verfügung, der Staat durch Gesetz. Der Wunsch des Autors, den Ruf seiner schöngeistigen Werke nicht befleckt zu sehen, wird durch das Verbot der volksverhetzenden Schriften doppelt verriegelt und besiegelt.

Hätte nicht der Angestellte der Historischen Bibliothek ein Einsehen mit mir gehabt und mir, aus meiner völligen Ratlosigkeit heraushelfend, sein Privatexemplar der "Bagatellen für ein Massaker" zur Verfügung gestellt, dann wäre mir aus der braven Sekundärliteratur nicht ein Bruchteil jener gewaltigen elektrischen Ladung von Haß entgegengeschlagen, der die Lektüre seiner antisemitischen Pamphlete zur Qual und ihr Verbot zu einem einmaligen Skandal in der modernen Literatur Europas macht; ein Skandal, von dem man außerhalb Frankreichs nichts weiß und innerhalb Frankreichs nicht redet. Céline ist ein unbekannter Autor, über den jeder Satz falsch ist, solange seine zentralen rassistischen Elaborate nicht gelesen werden können. Céline zensiert sich selbst, Frankreich zensiert Céline, und in Céline zensiert Frankreich seine eigene Geschichte: die seines Antisemitismus und der Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht.

Am 22. Juni 1944 notiert Ernst Jünger, Verbindungsoffizier der deutschen Wehrmacht in Paris, in sein Tagebuch: "... Heller, der aus Berlin zurückkam und dessen Zug mit Bordwaffen beschossen worden ist..., erzählte mir, daß Céline sofort nach der Landung die Botschaft dringend um Papiere ersuchte und schon nach Deutschland geflüchtet ist. Es bleibt doch merkwürdig, wie sehr Menschen, die kaltblütig die Köpfe von Millionen fordern, um ihr eigenes lumpiges Leben in Sorge sind."

Céline hatte sich am 8. Juni, knapp 48 Stunden nach der kriegsentscheidenden See- und Luftattacke an der französischen Nordküste, zwei Fremdenpässe mit Visa für Deutschland besorgt, in den Tagen darauf seinen Safe mit Goldstücken in der Credit Lyonnais geplündert, seine Manuskripte bei Freunden und Mitarbeitern untergebracht und niemanden, außer seiner eigenen Mutter, von der bevorstehenden Flucht informiert.

Céline fühlte sich bedroht. Er hatte drei unheilschwere kleine Särge und mehrere anonyme Briefe mit schwarzem Trauerrand erhalten. Er wagte sich nicht mehr ohne die Pistole aus dem Haus, die, einmaliger Vertrauensbeweis im okkupierten Paris, der Chef der politischen Feindaufklärung für Westeuropa, Hermann Bickler, ihm samt Waffenschein ausgehändigt hatte. Er fühlte sich verfolgt, von Feinden umstellt, die nur davon träumten, ihn aufzuschlitzen und ins Jenseits zu befördern. Unter den Dächern von Paris, auf die er von seiner Wohnung am Montmartre hinabblickte, spürte er millionenfach gegen ihn schwelende Mordabsichten. Céline wußte sich auf der schwarzen Liste.

Kurz nach seiner Abreise, ein Jahr vor der Befreiung von Paris, wurden die Drohungen exekutiert und die Todesurteile gegen Kollaborateure in Hauseingängen, an Wohnungstüren, auf offener Straße vollstreckt. Im Dezember 1944 wurde Célines Verleger Denoël bei einem Reifenwechsel auf dem Boulevard des Invalides unter nie geklärten Umständen von hinten erschossen. Céline, sein literarischer Komplize, war außer Reichweite.

Am 17. Juni 1944, die Alliierten hatten inzwischen einen Brückenkopf in der Normandie errichtet, strebte Céline zusammen mit seiner Frau, der Tänzerin Lucette Almansor, dem Gare de l’Est zu. Sie hatten, neben mehreren Koffern mit Bühnenkostümen, ihre Teemaschine und ihre Katze Bebert bei sich, für die Céline gleichfalls einen Gesundheitspaß hatte beantragen müssen (und die er in seinem Deutschland-Roman "Von einem Schloß zum andern" den bewegendsten Tod sterben ließ, den je ein Lebewesen in seinen Romanen starb), außerdem zwei falsche Pässe mit erfundenen Identitäten, die Céline sich Anfang Februar hatte ausstellen lassen, aber vor allem und für alle Fälle: zwei Kapseln mit Zyankali.

Wohin? Zu seinem Geld. Céline wollte an sein Geld. Das war seine einzige Überlebenschance. Sein Geld hatte er noch vor Kriegsbeginn auf einer dänischen Bank deponiert.

Also zum dänischen Geld, jenem Löwenanteil seiner Einkünfte aus der "Reise ans Ende der Nacht", die er nach seinen eigenen Worten geschrieben hatte, um endlich Geld zu haben. Geld! In verschlüsselten Briefen an seine ehemalige dänische Geliebte Karen Marie Jansen nannte er es zärtlich "meine Kinder", und sie erwiderte, daß es seinen Kindern gutgehe und sie sich in ihrem Garten sehr wohl fühlten.

Jenem dänischen Garten, in dem sein Geld vergraben lag, strebte er entgegen, wenn er ihn auch erst eines sehr viel späteren Tages finden würde, mit dem letzten Zug, durch einen Bombenhagel und den letzten Ausgang nach Norden hindurch.

Jetzt fuhr er wieder jenem Deutschland entgegen, an dessen Grenze die ersten Kapitel seines legendär gewordenen Romans spielten, mit dem gewaltigen Unterschied, daß er sie 1914 gegen den Erbfeind, den boche, verteidigt hatte, bei dem er jetzt, am Ende des Zweiten Weltkriegs, Zuflucht suchte. Hitler schoß seit fünf Tagen und heute wieder die VI, seine "Wunderwaffe", gegen England ab und säte, bevor es mit seinem Terrorregime zu Ende ging, noch einmal Vernichtung und Tod. Vor genau einer Woche hatte die SS-Division "Das Reich" alles Leben in Oradour-sur-Glane ausgelöscht. Céline war von neuem auf der Reise. Das Ende der Nacht war nicht in Sicht.