Von Michael Schwelien

Oberst Ruwe redet nicht lange um den heißen Brei herum. Wenn es so weitergehe, dann seien "große Bedenken über die Einsatzbereitschaft" angebracht – nicht allein über die der ihm unterstellten Panzergrenadier-Brigade 21, sondern über die der Bundeswehr insgesamt: "Es macht einfach keinen Sinn, eine Armee zu unterhalten, die innen hohl ist." Seine Brigade ist im Raum Braunschweig-Hildesheim stationiert. Einst gehörte sie zu den Verbänden, die das Rückgrat der deutschen Verteidigung bildeten. Nur wenige Kilometer östlich liegt Helmstedt. Dort wurde vor noch nicht einmal fünf Jahren der Einfall sowjetischer Panzermassen für möglich gehalten.

Ein lichtes, neues Casino, Tennisplätze und zum Flanieren einladende Ziegelsteinwege zwischen den Gebäuden zeugen von Planungstreue. Die Heinrich-der-Löwe-Kaserne in Rautheim war der Hauptstandort der Brigade mit ihren ehemals 3500 Mann. In ein paar Jahren wird das Gelände nur noch von dem Panzerbataillon 24 und von einer Panzerjägerkompanie genutzt werden, 1000 Mann höchstens. Von den sechs Kasernen der Brigade werden zwei übrigbleiben.

Oder vielleicht gar keine? Oberstleutnant Biegel, dessen stramme Haltung nicht über eine gewisse Larmoyanz hinwegzutäuschen vermag, fürchtet das endgültige Aus. Was der Minister plant, hat der Kommandeur des hier verbleibenden Panzerbataillons 24 aus der Presse erfahren: daß in den neuen Bundesländern keine Standorte geschlossen werden sollen. Also Umkehrschluß: Über die so schön renovierte Heinrich-der-Löwe-Kaserne kann das letzte Wort noch nicht gefallen sein.

Bestätigt nicht auch sein Vorgesetzter, Oberst Ruwe, den Verdacht, daß die Brigade "in Umstrukturierung" womöglich eine "in Auflösung" sei? Hat Ruwe nicht – in Einklang mit Generalinspekteur Naumann – gerade gesagt, auch ihm wäre eine Bundeswehr von 340 000 Mann lieber, wenn sie denn "richtig ausgestattet" sei, als eine von 370 000 Mann, der es an allem fehle?

Natürlich weiß auch der Oberst, daß der Osten längst nicht stabil geworden, daß immer noch mit Gefahren zu rechnen ist. "Unendlich viele Szenarien sind heute denkbar." Es sei schlechterdings unmöglich, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Seine Brigade gehört zu den "Hauptverteidigungskräften" (HVK), ihr Auftrag ist die klassische Landesverteidigung. Bis zu einem Jahr, das nimmt die militärische Führung in Bonn an, hätte sie Zeit, sich auf den Krisenfall vorzubereiten. Ein HVK-Verband wie dieser, mitten in Deutschland gelegen, da muß gar kein weiteres Wort fallen, da muß einer nur logisch denken: Bei weiteren Kürzungen gehört er zur disponiblen Masse.

Oberstleutnant Biegel hat eine Runde von Soldaten aus allen Dienstgraden zusammengerufen. Die Männer scheinen hochmotiviert. Das Ansehen der Streitkräfte in der Bevölkerung ist gestiegen. Die Rekruten im Kreise erzählen, daß sie sich keineswegs vor gleichaltrigen Schulabgängern, die den Wehrdienst verweigern, rechtfertigen müssen. Jugendoffiziere gingen früher mit Unbehagen in die Schulen, um für Verständnis zu werben; heute kann sich das Bataillon kaum retten vor Schülern, die sich um Praktika bewerben. Ein Major: "Zwar ist es noch nicht so positiv besetzt wie in den USA, aber das Bild vom Soldaten wandelt sich."