Auch auf der nicht immer leicht zu kultivierenden Domäne der deutsch-polnischen Nachbarschaft übernimmt Roman Herzog ein von seinem Vorgänger gut beackertes Feld. Richard von Weizsäcker genießt in Polen sehr hohes Ansehen. Er fand nicht nur die richtigen Worte, sondern war auch zu wichtigen symbolischen Gesten bereit – selbst wenn andere sie verhinderten. Als er den Feierlichkeiten auf der Danziger Westerplatte zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen nach einem Veto aus dem Kanzleramt fernblieb, sprang gerade der jetzt im Wettbewerb um seine Nachfolge unterlegene Johannes Rau in die Bresche und sagte in Polen, was gesagt werden mußte.

Trotz der Zeitenwende braucht das deutschpolnische Verhältnis nach wie vor symbolische Impulse, einfühlsame Worte und eher moralische als juristische Korrekturen. Und gerade sie könnten vom Bundespräsidenten kommen – auch bei der Einbindung des östlichen Nachbarn Deutschlands nicht nur in die europäischen Strukturen, sondern auch in die Vorstellungswelt westeuropäischer Politiker und der Öffentlichkeit überhaupt. Denn noch ist der Sympathiepegel für diese Nachbarschaft in Deutschland nicht eben hoch.

Ob Roman Herzog den Ostmitteleuropäern entsprechendes Engagement entgegenbringen wird, ist heute schwer zu sagen. Ob er so stark von und mit der Geschichte lebt und so viel moralische Sensibilität wie Johannes Rau besitzt, bleibt bis auf weiteres offen. Da hatte auch Jens Reich unmittelbarere Erfahrungen mit Blick über die Oder und Neiße.

Doch schon bald wird der neue Bundespräsident sein Geschick auch in den deutsch-polnischen "Fallgruben" unter Beweis stellen können. Der polnische Präsident hat nämlich auch das deutsche und das russische Staatsoberhaupt zum 50. Jahrestag des Warschauer Aufstandes eingeladen – jener polnischen Erhebung also, die 1944 die polnische Hauptstadt von den Deutschen befreien sollte, aber vor den Russen. Dabei zerstörten die einen sie methodisch, und die anderen schauten gelassen zu. Eine so vertrackte Konstellation heute rhetorisch zu meistern ist sicherlich eine Herausforderung. Gelingt es Roman Herzog, dann wird er nicht nur ostpolitisch, sondern auch "geschichtspolitisch" Punkte sammeln können.

polnischer Publizist