Von Carl D. Goerdeler

Zum Büro des Instituto Ecuatoriano de Telecomunicaciones auf dem internationalen Flughafen von Quito, der Hauptstadt von Ecuador, führt eine Hintertreppe. Gnädig schaut der Papst auf die Warteschlange von der Wand herab. Die beiden Telephondamen lassen sich vom Publikum kaum stören. Gelangweilt füllen sie lange Listen aus oder bündeln Geldscheine zu großen Packen. Ein Ferngespräch nach Deutschland? So etwas kommt nicht alle Tage vor. Deutschland, Alemania, steht gar nicht auf ihrer Liste. Schließlich kommt doch noch ein abgeschabtes Register zum Vorschein. Mit wem der Herr denn sprechen wolle? Ist das denn so wichtig? Allerdings! Na gut. Bitte in der Schlange anstellen.

Nicht nur in Quito gleichen Ferngespräche abenteuerlichen Expeditionen in eine antiquierte Welt. In ganz Lateinamerika sind die Telephonnetze auf dem Stand der fünfziger Jahre. Argentinier müssen rund ein Jahr, Bolivianer zwölf Jahre und Venezolaner sogar zwanzig Jahre warten, bis die Telephongesellschaften einen Anschluß legen. Einen Apparat müssen sich elf Chilenen, vierzehn Brasilianer und vierzig Peruaner teilen. Das jedenfalls sind die Zahlen der Internationalen Fernmeldeunion aus dem Jahr 1992.

Bis vor drei Jahren lag die Telekommunikation in so gut wie allen Ländern Lateinamerikas in der Hand staatlicher Unternehmen. Doch dann stürzten auch in Lateinamerika die Säulen dieser Monopole zusammen. Eine Regierung nach der anderen trennte sich von den telekratischen Mammuts und bot sie privaten Käufern an. Seither spielt sich ein hitziger Wettlauf um Konzessionen und Kabel ab. Telemultis wie AT & T, Bell, Ericsson, GTE und Alcatel haben Argentinien, Mexiko, Chile und Venezuela bereits unter sich aufgeteilt. Anfang März gingen die staatlichen peruanischen Telephongesellschaften Entel und Teléfonos an die Telefónica de Espana. Die Spanier zahlen dafür zwei Milliarden Dollar, viermal soviel, wie die Peruaner gefordert hatten. Außerdem verpflichteten sich die neuen Eigentümer zu umfangreichen Investitionen, um das Netz auszubauen, das seit 25 Jahren verrottet. Nun sollen alle Dörfer mit mehr als 500 Einwohnern mit dem Netz verbunden werden.

Am profitabelsten für die zumeist nordamerikanischen Kommunikationskonzerne ist das Geschäft mit Mobiltelephonen. Die Technik ist schlank und flexibel, schnelle Gewinne sind sicher. Statt umfangreiche Kabelnetze zu verlegen, reichen einige Sendemasten aus. Vor allem genügt es, wenige Metropolen zu versorgen, denn dort sitzen die kaufkräftigen Kunden. Das flache Land muß warten.

Daß sich ausländische Konzerne des Telephongeschäfts bemächtigen, ist keineswegs überall willkommen. "Schluß mit dem Ausverkauf der Nation!" schallte es der Regierung von Uruguay entgegen. "Montevideo gehört uns und nicht den Multis!" In einer Volksentscheidung im Dezember 1992 lehnten die Bürger die Privatisierung der Staatsbetriebe ab. Auch in Brasilien tobt der ideologische Grabenkrieg. Die Gewerkschaften und die Militärs, sonst nicht gerade aufeinander gut zu sprechen, sind sich einig, daß das staatliche Telephonmonopol nicht angetastet werden darf.

Die Regierungen Brasiliens schotteten in der Vergangenheit selbst den Informatikmarkt von ausländischer Konkurrenz ab. Heute sieht die parlamentarische Mehrheit ein, daß diese Politik das Land um Jahre zurückgeworfen hat. Die eigene Computerindustrie konnte mit der Entwicklung nicht Schritt halten; jeder zweite Computer wird deshalb am Fiskus vorbei ins Land geschmuggelt. In der Telekommunikation droht Gleiches. Die staatlichen Betreibergesellschaften sind nicht in der Lage, den Bedarf auch nur annähernd zu decken, und sie verlangen Mondpreise. Die Folge davon ist, daß Telephonanschlüsse auf dem schwarzen Markt zu mehreren tausend Dollar gehandelt werden.