Was wird mit der Attrappe des Berliner Stadtschlosses geschehen? Mit den so sorgfältig und handgemalt nachempfundenen Fenstern, Portalen, Wandteilen? Dem doch sehr, sehr geschichtsträchtigen Symbol a) Deutscher Einheit, b) barocker Prachtentfaltung, c) jahrhundertelangen Gestaltungswillens des Hauses Hohenzollern?

Verkauft soll es werden. Verkauft! Versteigert, am 11. Juni in der Berliner Dependance des Auktionshauses Sotheby’s.

Die historische Kulisse, roh zerrissen: zwanzig Fassadenteile, je fünfzehn mal fünf Meter große Kunststoffplanen, bestehend aus Attika, Mezzaninfenster und Paradegeschoß, beziehungsweise aus Fenstern des Piano Nobile mit Erdgeschoß und Sockel, mit anschließenden Wandteilen, eine Einheit zu 2400 Mark. Die prachtvollen Portale: Portal eins (Blickrichtung Lustgarten) und drei (Schloßplatz) zu je 12 500 Mark, Portal zwei (Spreekanal) zu 20 000 Mark.

Der Erlös der Auktion soll dem Förderverein Berliner Stadtschloß e.V. zugute kommen. Was mit Wohlwollen gesehen werden mag. Aber sind die Vorschläge von Sotheby’s, wie die zerrissene Schloßkulisse genutzt werden kann, nicht historisch töricht? Die Fassadenteile, kostbare Unikate, seien, so liest man ungläubig, "hervorragend geeignet als Messedekoration mit Berlin-Bezug, als Schmuck für Innenhöfe, Ladenpassagen und Bürofassaden."

Darf man das? Kann man ein deutsches Symbol so einfach verramschen, es zur schlichten Dekoration degradieren? "Wir Deutsche", darauf hat Dr. Wolfgang Schäuble ja schon anläßlich der Debatte um die Verpackung des Reichstages durch Christo hingewiesen, "wir Deutsche besitzen nicht viele Symbole, die unsere Geschichte mit ähnlicher Wucht, mit ähnlicher Dramatik lebendig werden lassen." In der Tat. Und muß nicht, was für den Reichstag gilt, auch für das Stadtschloß gelten?

Die Wechselfälle, die schmerzlichen Zäsuren haben auch und gerade an diesem Gebäude ihre Spuren unmittelbar hinterlassen. Auch an der Attrappe. In den wenigen Monaten hat sie sich verändert. Nur der Laie mag annehmen, daß es sich hier nur noch um bemalte Plastikfolie handelt. Der märkische Wind hat Sand in die Planen geweht, hat sie gleichsam mit dem Atem der Geschichte imprägniert. Die Kraft dieser besonderen Stätte akkumulierte sich im flüchtigen Gewand.

Wolfgang Schäuble hat es auf den Punkt gebracht: "Wir Deutsche tun uns schwer mit Symbolen, die unsere Geschichte zum Ausdruck bringen, und angesichts der Brüche und Verletzungen ist das nur zu verständlich. Aber gerade deshalb sollten wir behutsam sein." So ist es! Deshalb würde es kaum wiedergutzumachen sein, das jüngste und fragilste deutsche Symbol, das Schloßgewand, einfach zu verramschen.