Von John C. Ausland

OSLO. – Gedenkfeiern zum D-Day in der Normandie abzuhalten, ohne daß Repräsentanten der deutschen Regierung zugegen sind, ist die eine Sache. Eine andere wäre es, die Tatsache zu ignorieren, daß die Alliierten, die mit Fallschirmen absprangen oder vom Wasser aus an Land stürmten, auf entschiedenen Widerstand stießen. Die deutschen Militärfriedhöfe in der Normandie legen davon stilles Zeugnis ab.

In vielen Zeitungen erschienen Artikel und Leserbriefe, die sich der Frage widmeten, ob deutsche Regierungsrepräsentanten zu den D-Day-Feierlichkeiten eingeladen werden sollten. Sie haben die ablehnende Haltung der französischen Gastgeber nicht beeinflußt.

Das bedeutet aber nicht, daß Anfang Juni keine deutschen Kriegsveteranen an den Normandie-Feiern teilnehmen werden. Am 5. Juni wollen ungefähr zweihundert Veteranen der 90. US-Infanterie-Division eine Gedenkstunde auf dem deutschen Militärfriedhof in La Cambe bei Bayeux abhalten – gemeinsam mit etwa hundert Veteranen des 6. Fallschirmregiments der Deutschen Wehrmacht.

Alexander Uhlig, der heute in Essen lebt, kommandierte eine Kompanie dieses Regiments. Am 23. Juli 1944, nach einem heftigen Kampf, überzeugte er seinen Vorgesetzten, eine dreistündige Feuerpause einzulegen, damit die Amerikaner einige ihrer Verwundeten aus dem Frontgebiet evakuieren konnten. Diese menschliche Geste brachte die Veteranen der 90. Infanterie-Division dazu, nach dem Krieg Kontakt zu den deutschen Veteranen der 6. Kompanie aufzunehmen und seither im Fünfjahresturnus gemeinsame Feiern abzuhalten.

Der deutsche Militärfriedhof in La Cambe liegt nicht weit entfernt vom amerikanischen Friedhof nahe Omaha Beach, wo am 6. Juni die Feierlichkeiten stattfinden werden. La Cambe ist der größte von drei deutschen Soldatenfriedhöfen in der Nähe der Alliierten-Strände; dort ruhen mehr als 20 000 Tote. Die anderen beiden Friedhöfe liegen in Orglandes, südlich von Cherbourg, und in Marigny, westlich von Saint-Lo.

Als ich 1992 durch die Normandie reiste, machte ich in Marigny halt. Der Friedhof hinterließ einen bleibenden Eindruck auf mich. In einem der Gräber lag ein Achtzehnjähriger. Als ich einen Blick auf sein Grab warf, überkam mich der Gedanke, daß er von einem Artillerie-Sperrfeuer getötet worden sein könnte, das ich befohlen hatte. Mein zweiter Gedanke war: Wäre er nicht gestorben, hätte er möglicherweise mich getötet.