Von Victoria de Grazia

NEW YORK. – Die Koalitionsregierung, die sich derzeit in Italien anschickt, die Staatsgeschäfte zu übernehmen, wird die erste seit 1945 sein, die neofaschistische Minister in ihren Reihen zählt. Geschähe dies in Deutschland, hätten jetzt alle Angst – aber Italien hat ja den Ruf, human zu sein. Die Neofaschisten nähren dieses Klischee, indem sie zwei zählebige Mythen ausschlachten: erstens, daß der italienische Faschismus nicht antisemitisch war, und zweitens, daß Mussolini ein Modernisierer war, der es fertiggebracht hat, die Eisenbahnen pünktlich zu machen.

Diese Geschichtsklitterung sollte gerade jene Bedenken verstärken, die schon die Ambitionen der drei Parteien auslösen, die eine Koalition eingegangen sind: die neofaschistische Alleanza Nazionale, die separatistische Lega Nord und die Forza Italia des politischen Neulings und jetzigen Premierministers Silvio Berlusconi. Der Widerwillen gegen ein korruptes politisches Establishment hat der Allianz zwar zu 505 Sitzen im Parlament verholfen. Daß sie aber nun behauptet, den Kehraus in der italienischen Politik machen zu können, ist so fragwürdig wie die Propaganda, daß das schon Mussolini einmal gelungen sei.

Zu sagen, der Staat des Duce sei nicht antisemitisch gewesen, ist Sophisterei. Seine Apologeten sagen zwar, daß er – anders als Hitler – keine persönliche Antipathie gegen Juden hegte und sogar eine jüdische Geliebte hatte. Wie konnte der italienische Faschismus antisemitisch sein, fragen sie, wenn so viele italienische Juden sich der Bewegung anschlössen?

Immerhin gestehen auch die Apologeten ein, daß das Regime Gesetze erließ, mit denen die jüdische "Rasse" verfolgt wurde: Allerdings nur, um sich bei Hitler lieb Kind zu machen; und erst nachdem die Demokratien unfairerweise Italien geschnitten hatten, nur weil es auch ein kleines Stück von Afrika für sich haben wollte. Auf jeden Fall, sagen sie, wurden die Gesetze nicht rigoros durchgesetzt, und Mussolini selbst habe viele Ausnahmen persönlich genehmigt. Den schlagenden Beweis für die Gutartigkeit der Faschisten liefere doch die Tatsache, daß so viele italienische Juden den Völkermord Hitlers überlebt hätten.

In Wirklichkeit aber hatten die Rassegesetze von 1938, die nach dem Vorbild der Nürnberger Rassegesetze erlassen worden waren, Ehen zwischen Juden und Nichtjuden verboten; sie hatten es "Ariern" untersagt, in jüdischen Haushalten als Dienstboten zu arbeiten; sie hatten Juden aus einflußreichen Positionen in Regierung, Bildung und dem Bankenwesen entfernt und die Eigentumsrechte von Juden beschränkt. Weder die Propagandisten der Regierung noch die faschistischen Parteiorganisationen bedurften eines besonderen Anstoßes, um antijüdische Verleumdungen hervorzusprudeln.

Wenn der italienische Faschismus die Durchsetzung der Gesetze nur lax betrieb, dann deshalb, weil der Despotismus all’ italiana auf dem Nährboden der Korruption blühte, die mit Ausnahmen und Begünstigungen Handel trieb. Wenn die Juden den Fangnetzen des von den Nazis besetzten Italien entkamen, so war dies nicht wegen der Nachsichtigkeit der Partei, sondern weil die italienische Armee nicht mitmachte, das einfache Volk Mitmenschlichkeit zeigte und weil die katholische Kirche ihnen Asyl gewährte.