arte, Mittwoch, 1. Juni, 21.30 Uhr: "Tuba libre" und "Die Befreiung des Sisyphus" Juni, 20.40 Uhr: "Die Höhenflüge des Herrn Lindberg"

Der eine trägt sein Instrument im Arm wie ein junger Vater seinen ersten Sohn bei dessen erstem Lächeln – dem anderen scheint es ein Körperteil zu sein, den man zu bewegen und zu benutzen gelernt wie Hände und Beine, die Stimmbänder oder, sehr wichtig, den zum Lächeln benötigten Gesichtsmuskel. Der eine will seine Studenten dazu bringen, auf der gewundenen Messingröhre nicht nur das allbekannte gemütliche abgrundtiefe "Hum, hum" zu erzeugen, sondern in menschenüblicher Tonlage zu singen – der andere rezitiert Gedichte, erzählt ganze Romane, berichtet abenteuerliche Schauergeschichten. Zwei Musiker, die uns zeigen, daß "Ton-Kunst" in all ihrer Seriosität etwas Heiteres (und heiter Machendes) besitzt, daß aber in noch der skurrilsten Linie, in dem seltsamsten Effekt, in der gewöhnlichsten Banalität ein bewegendes, ein zum Mitempfinden anregendes, zur Mitteilung und Stimulanz von Affekten also tauglichdienliches Element steckt, das etwas Wichtiges und damit Ernstes, leider oder Gott sei Dank nur so und nicht anders zu Formulierendes enthält und ausdrückt.

Portraits also, aber nicht im Sinne von biographischen Abrissen, sondern als Bündelung künstlerischer An- und Absichten, als vertrauensbildende Maßnahme, als Einladung zum Mitgenießen, als Werbung für eine schöne Nebensächlichkeit, die das Leben ausmachen kann. Roger Bobo, der heute wohl virtuoseste Tuba-Spieler: beobachtet bei (und neben) einem Meisterkurs in Riva am Gardasee und anschließend selber zu bewundern bei brillanten Solisten einem Charakterstück über das tragische Bemühen des Sisyphus, das uns zu Mit-Leidenden macht, aber auch Getrösteten. Und der Posaunist Christian Lindberg: ein Spätberufener, über die Beatles und den Jazzer Jack Teagarden dazu gekommen, Leopold Mozart zu entdecken und Johann Georg Reutter, den im Wien der Maria Theresia "unstreitig stärksten Componisten, das Lob Gottes zu singen", aber auch John Cage; der mit Rossinis "Barbier" und Rimskij-Korsakows "Hummelflug" sein Publikum bereit macht für Vivaldi und Michael Haydn, Liszt und Milhaud, Prokofiew und Serocki; der für Jan Sandströms Konzert "A Short Ride on a Motorbike" im Lederoverall unter die Befrackten tritt oder als aufgedrehte Soldatenpuppe den Uhrwerkschlüssel auf dem Rücken trägt. Christian Lindberg hält es mit Nietzsche, der, jawohl, wußte: Du sollst wenigstens zehnmal am Tage lachen: "Ich wünsche mir nur eine ehrliche Reaktion."

Heinz Josef Herbort