Von Monika Borgmann

Wenn wir unsere Toten begraben, legen wir auch einen Teil von uns selbst mit ins Grab, damit er dort ewig weiterlebt. Das ist der symbolische Tod. Wir können heute zwischen dem symbolischen Tod und dem Wahnsinn wählen." Noureddine Saadi, Juraprofessor und Schriftsteller, hat sich sowohl dem Wahnsinn wie auch dem symbolischen Tod verweigert und ist mit seiner Familie ins französische Exil gegangen. Noch am Tag vor seiner Abreise war er auf dem Begräbnis seines Freundes Professor Djillali Belchenshir, ein Kinderarzt und Direktor eines Krankenhauses, der im Oktober 1993 in seiner Klinik erschossen worden war. Belchenshir, ein engagierter Kämpfer für die Menschenrechte, hatte nach den "Brotunruhen" im Oktober 1988, die Präsident Chadli Bendjedid schließlich zu politischen Reformen zwangen, mit Noureddine Saadi und anderen Freunden das erste Komitee gegen Folter gegründet.

Beerdigungen in Algier, das sind schweigende Trauermärsche, bei denen die Menschen jedes Mal von neuem fassungslos und voller Angst an den offenen Gräbern der Ermordeten vorbeiziehen. Nur wenn die Wut nicht mehr zu zügeln ist, wird das Schweigen von dem Schrei und der Anklage "Islamisten-Mörder", "Mafia-Mörder", "FLN-Mörder" durchbrochen. Um die fünfzig Intellektuelle wurden seit März 1993 in Algerien ermordet: Journalisten, Schriftsteller, Dichter, Soziologen, Ärzte. Die Friedhöfe sind zu tragisch-grotesken Treffpunkten der noch Lebenden geworden, zwischen denen immer wieder die unausgesprochene Frage steht: Wer wird der nächste sein?

Noureddine Saadi hat der Angst und dem Druck dieser Frage nicht mehr standgehalten. Nachdem er monatelang Drohungen erhielt, nachdem seine Freunde, die ihm intellektuell und politisch nahestanden, einer nach dem anderen umgebracht wurden und er selber immer glaubte, das nächste Opfer zu werden, hat er Algerien verlassen. "Manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich gegangen bin. Dann aber sage ich mir, ich rette für mich etwas sehr Wesentliches, und es geht nicht darum, sich irgendwo in Algerien zu verstecken, nur um sich dann mutiger zu fühlen."

Ähnlich äußert sich der Soziologe Ali Kenz, ein Freund von Noureddine Saadi und Nachbar des ermordeten Professors Belchenshir. Anonyme Telephonanrufe, Drohbriefe und die Blicke seiner Nachbarn, die ihn jeden Morgen erstaunt ansahen, daß er die vergangene Nacht überlebt hatte, haben ihn ins tunesische Exil getrieben. "Auch wenn du denkst, du wirst schon nicht umgebracht, sagen dir die Leute, morgen oder übermorgen sind Sie bestimmt auch tot. Das ist eine ganz verrückte Stimmung, das ist Kafka mit Revolverkugeln."

In Algier ist Said Meqbel, Direktor der französischsprachigen Tageszeitung Le Matin zum wiederholten Male einem Attentat entkommen. Als er das Haus verlassen wollte, hatten die Mörder das Feuer auf ihn eröffnet. Trotz Warnungen seiner Freunde brach er nach tagelangem Zögern das Schweigen und schrieb im Matin: "Was für ein trauriges Schicksal wir doch haben. Obwohl wir immer noch leben, sind wir bereits seit langem gestorben, denn der Terrorismus hält uns von allem fern, was ein normales Leben ausmacht. Wir fühlen uns einsam, weil man uns zwingen will, zwischen dem Koffer und dem Sarg zu wählen. Aber wir wollen weder das Exil noch den Friedhof. Ganz einfach, weil wir unser Leben lieben und weil wir unser Land lieben."

Eine Gesellschaft zerfällt. Sie teilt sich in diejenigen, die mit der Angst umgehen können, und jene, die dazu nicht fähig sind. Die einen harren aus, weil sie sich als Teil der algerischen Bevölkerung verstehen, die anderen gehen, weil sie sich ihrem Volk entfremdet fühlen. Die einen glauben noch an "ihr" Algerien, die anderen haben den Glauben verloren; sie sagen, man kann kein Land verlassen, das einen bereits verlassen hat.