Wieder ein Minicrash. Nachdem der Deutsche Aktienindex (Dax) in den Tagen vor dem Pfingstfest seinem bisherigen historischen Höchststand von 2284 wieder sehr nahe gekommen war, gab es zu Beginn der neuen Börsenwoche eine kalte Dusche. Kräftig steigende Zinsen am Rentenmarkt bei ungewöhnlich hohen Verkäufen wirkten sich auf den Aktienmarkt aus und ließen den Dax fast auf die psychologisch wichtige Marke von 2200 sinken.

Aus dem Hause der Bundesbank ist deutlich zu vernehmen, daß angesichts der auch im April gestiegenen Geldmenge M3 und der nur zögernd sinkenden Inflationsrate vorerst nicht mit einer weiteren Rücknahme der Zinsen für Wertpapierpensionsgeschäfte gerechnet werden könne. Leitzinssenkungen stehen für die Börsianer ohnehin erst in der zweiten Jahreshälfte auf dem Papier, aber auch nur dann, wenn der Dollar dafür den nötigen Spielraum läßt.

Im Augenblick ist der gesunkene Dollar für den Aktienmarkt eher ein Baisse-Faktor, besonders für die Papiere solcher Gesellschaften, die in den Dollarraum exportieren oder dort produzieren. So hatten Autoaktien besonders empfindliche Rückschläge hinzunehmen. Auch die Papiere der Großchemie litten unter dem schwachen Dollar. Viele Analysten überlegen, ob nicht eine reduzierte Gewinnschätzung für 1994 notwendig wird, denn bisher ist man bei den Prognosen von einem Dollarkurs von 1,70 bis 1,80 Mark ausgegangen.

Als enttäuschend wird empfunden, daß die rückläufigen Zinssenkungen für Termineinlagen bisher nicht zu einem Umsteigen in Aktien und Renten geführt haben. Auch die in diesen Wochen fälligen Dividenden dienen kaum der Wiederanlage. Möglicherweise spielen dabei die angekündigten Kapitalerhöhungen eine Rolle, die Milliardenbeträge erfordern.

So wird die Daimler-Kapitalaufstockung den Markt allein mit drei Milliarden Mark belasten, die Lufthansa-Kapitalerhöhung mit rund 1,7 Milliarden. Der zur Zeit laufende Bezugsrechthandel für junge Aktien der Allianz Holding stieß bisher auf keine Schwierigkeiten, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß der größte Teil des neuen Kapitals von Großaktionären bezogen wird und den Börsenhandel nicht belastet.

Versorgungswerte, die vor dem Pfingstfest noch zu den bevorzugten Papieren gezählt hatten, litten inzwischen unter Gewinnmitnahmen. Selbst bei den Siemens-Aktien gab es Verkäufe zu weichenden Kursen. Nachrichten über neue Großaufträge änderten daran nichts. K. W.