Von Rolf Michaelis

Das ist ein altes, liebes Spiel zwischen den beiden: Noch ehe der Vater die oberste Stufe zur Atelier-Wohnung unter dem Dach erreicht hat, wirft er den Hut hoch in den Raum. Hedvig hat die Schritte des Vaters auf der Treppe längst erlauscht, stürzt ihm entgegen, fängt den Hut in der Luft auf und zieht ihn sich wie eine Schutzmaske tief ins Kindergesicht. Nimmt dem Vater den Schal ab und legt sich das warme Tuch um den Hals, hilft ihm aus dem Mantel und hüllt sich selber in das Gewand. Schlurft und hüpft plappernd hinter dem Photographen-Vater her, der seine Erzählungen aus der Stadt für Frau und Tochter immer üppiger ausstaffiert. Inbild von Familien-Glück in Jürgen Flimms Inszenierung von Henrik Ibsens Schauspiel "Die Wildente" (1884) mit dem Ensemble des Hamburger Thalia Theaters bei den Wiener Festwochen im Ronacher.

Wäre das Bild rührend närrischer Vater-Tochter-Liebe auch anders zu verstehen? Apportiert da nicht eine Haushund-Tochter dem Herrchen, das die Familie, im Gefühl eigener Schwäche, voll Liebe tyrannisiert?

Wenn der Photograph Hjalmar Ekdal zwei Akte und einen quälend langen Morgenspaziergang später wieder in sein Juchhe stolpert, das eher Rumpelkammer als Wohnung ist, wird die gestörte Welt- und Familien-Ordnung schon erfahrbar, noch ehe wir den jetzt an seiner Vaterschaft zweifelnden Mann ganz sehen: Achtlos fliegt der Hut in den Raum, so daß Hedvig ihn unmöglich haschen kann. Schal und Mantel läßt der Vater sich nicht abnehmen. Trotzig pellt er sich selber aus dem Wintergeschirr, hängt alles akkurat an den Garderobenständer. Stärker könnte der Vater die Tochter, die hilflos hinter ihm hertrottet, nicht quälen.

Doch. Als sie ihn ganz ratlos an die kleine Dachbodenwelt erinnert, wo sie, Vater und Großvater, Tauben und Hühner halten, auf Kaninchen Jagd machen und seit neuestem eine angeschossene Wildente pflegen, fährt der Vater sie an: "Schluß mit dem Unsinn! Ab morgen setze ich keinen Fuß mehr auf den Dachboden ... Die verdammte Wildente. Ich hätte größte Lust, ihr den Hals umzudrehen!"

Der "Schrei", den Ibsen jetzt von Hedvig verlangt, die er sich als vierzehnjähriges Mädchen denkt, steigert sich bis zum Schluß in Gewimmer, Weinkrampf, völliges Außersichsein und den Knall des Pistolenschusses, mit dem Hedvig sich selber tötet. Nur so glaubt sie die Liebe des Vaters wiedergewinnen zu können. "Hedvig (schreit): ‚Der Wildente den Hals umdrehen!‘ (schüttelt ihn),Vater, Vater – das ist meine Wildente!’"

Wer ist der Mann, der Hedvig dazu überredet, ihr Liebstes zu opfern, die Wildente? Flimm vergißt nicht, daß der junge Wahrheitsfanatiker, der Hedvig so tödlichen Rat gibt, ihr Halbbruder ist. Aus Protest gegen die betrügerischen Machenschaften seines Großgrundbesitzers von Vater hat Gregers Werle jahrelang in der Einsamkeit des Hochwaldes gelebt, wo der väterliche Betrieb Holz schlagen läßt. In dem "Oben" der Wälder ist Gregers vom "Rechtschaffenheitsfieber" befallen worden, hat die Beziehung zur Wirklichkeit verloren. Er will die Welt nach den Maßstäben seiner "idealen Forderungen" modeln. Darin ist er Hedvig verwandt, die sich mit Vater und Großvater im "Oben" ihrer städtischen Dachbodenwelt ein Leben in der Wildnis zusammenphantasiert.