Von Michael Weithmann

Demonstrativ greift die Signora zum Telephon und schlägt empört den Fensterladen zu. Schnell versuche ich den Photoapparat in der Jackentasche verschwinden zu lassen, da steht schon der stämmige Hausmeister vor mir und fährt mich an. Warum ich die Villa photographiere, hier gebe es nichts. Sein Mißtrauen flaut erst ab, als er merkt, daß nur ein deutscher Tourist vor ihm steht. Davon gibt es schließlich genug hier in Riva am Gardasee. Und weil ich lediglich auf der Suche nach dem ehemaligen Domizil eines poeta inglese bin, der vor mehr als achtzig Jahren in der Villa Leonardi gewohnt hat, ist die peinliche Situation schnell bereinigt. Der Name D.H. Lawrence sagt ihm zwar nichts, auch "Lady Chatterley" läßt ihn kalt, aber un poeta, das hat noch seinen Stellenwert in Italien, selbst für grimmige Hausmeister.

David Herbert Lawrence (1885-1930) und seine schöne Begleiterin und spätere Frau Frieda von Richthofen – das literarische Vorbild der "Lady Chatterley" – hatten in Riva del Garda an der Nordspitze des Sees im Herbst 1912 ein paar fröhliche Wochen verbracht. Ihren Honeymoon nannten sie später die Zeit, als die Beziehung des sich immer monomanischer gebärdenden Sexualmystikers (der im Grunde genommen ein überzeugter Puritaner war) und der selbstbewußten und lebenslustigen preußischen Baroneß sich immer schwieriger gestalten sollte.

Lawrence, ein angehender Schulmeister, hatte Frieda als frustrierte Professorengattin, verheiratete Weekley, in Nottingham kennengelernt. Beider Leben stand 1912 an einem Scheidepunkt. Der von der Literaturkritik bereits schwer mitgenommene Schriftsteller wollte heraus aus den beschränkten Verhältnissen seiner Heimat, dem düsteren Kohlenrevier Mittelenglands, und Frieda zog es zurück in die Schwabinger Boheme.

D.H. Lawrence und Frieda von Richthofen taten sich zusammen und flohen Hals über Kopf von Nottingham nach München. Die dortige Szene aber war längst zerstreut. So machte sich das Pärchen im Mai 1912 auf, um als "Wandervögel" die Alpen zu Fuß zu überqueren und Italien, das Sehnsuchtsland aller Romantiker, zu erreichen. Im erst 1984 als Fragment edierten Roman "Mr. Noon" hat Lawrence diese mehrmonatige Wanderung durch Bergtäler und Schneewüsten und ihre Abenteuer unter Tiroler Bergbauern sarkastisch, aber treffend beschrieben.

Völlig derangiert landeten sie schließlich als Tramps in Trient. Ein kleines aufbauendes Erlebnis am Bahnhof – der goldbetreßte k.u.k. Bahnhofsvorstand hatte dem Dichter trotz seines abgerissenen Äußeren zuvorkommend Auskunft erteilt – erhöhte die Vorfreude auf den Lago di Garda: "Was für eine Flucht aus der Hölle in eine Art lieblichen, sonnigen, dahinschweifenden Himmel!" Selbst die leidige Quartiersuche, die ihrer bescheidenen Mittel wegen immer eine besondere Quelle des Mißvergnügens war, klappt auf Anhieb. In eben jener Villa Leonardi, Viale Giovanni Prati 10 vor der Porta San Marco in Riva, damals eine von drei älteren Grazien geführte gehobene Familienpension inmitten südlicher Vegetation, fanden sie Unterkunft. Der launische Lawrence, in seinen Stimmungen schwankend zwischen feinfühliger Beobachtung und blankem Haß auf seine Umwelt, gerät hier geradezu ins Schwärmen: "Wir leben an dieser Bucht im Exil und in Armut, aber in Sonnenschein und Glück", schreibt er an seinem 27. Geburtstag. Riva war die erste südliche Stadt, die er kennenlernte, von ihrem "lateinischen Reiz" war er sofort eingenommen. Daß sie habsburgisch war (bis 1919), bemerkt er nur an den österreichischen Offizieren, die mit ihren eleganten Kokotten auf der Piazza Catena unterhalb des berühmten Uhrturms promenierten.

Die drei distinguierten Damen des Hauses Leonardi nahmen das Paar liebenswürdig auf. "Anstatt um ihr Familiensilber zu fürchten", wie Frieda später schrieb, "verwöhnten sie uns mit Schalen voller Trauben, Feigen und Pfirsichen", und zwar auch weiterhin, "nachdem die Zimmermaid eines Tages zufällig mitbekommen hatte, daß Lawrence neben dem Bett auf einem Spirituskocher heimlich unsere Mittagspolenta zuzubereiten pflegte."