OPPENHEIM - Erst versank das Polizeiauto in einem Loch; dann stürzten elf Häuserfassaden der Schloßstraße ein; schließlich verschwand Anna Schlömbs hüfttief in der Erde, als sie die Bohnen in ihrem Garten hakken wollte. Das gab den Oppenheimern zu denken. Sicher, alle 6780 Bewohner des kleinen Rheinstädtchens südlich von Mainz wußten von den großen Kellern unter ihren Häusern. Doch keiner kannte das Ausmaß der Gänge und Gewölbe. Vor kurzem kam dann dieser Brief vom Bürgermeister. Niemand solle mehr Wasser unkontrolliert in den Boden laufen lassen, und alle Keller müßten von Sperrmüll geräumt werden, warnte Erich Menger, denn: "Plötzlich kann es zum Einsturz kommen Oha.

Spätestens jetzt dämmerte den Hausbesitzern, daß wohl wahr sei, was Denkmalschützer seit einiger Zeit vermuteten: Unter Oppenheim liegt eine in Deutschland einmalige Keller- und Ganganlage. Größtenteils verschüttet, windet sich auf einer Fläche von 32 000 Quadratmetern ein Labyrinth bis zu drei Stockwerken tief durch die Erde. Über das genaue Alter und den ehemaligen Nutzen dieser Stadt unter der Stadt rätseln noch die Wissenschaftler. Jedes der etwa 500 Häuser der Altstadt hat Zugang zu dem unterirdischen System Über enge Treppen oder Schächte gelangt man in die Unterwelt, wo Gänge sich verzweigen, hinter Biegungen plötzlich enden oder aber unter mächtigen Kreuzgewölben sich zu regelrechten Hallen weiten. Fundstücke aus dem späten Mittelalter lassen vorerst den Schluß zu -daß sich die >M_I Oppenheimer seit dem 13. Jahrhundert in die Erde gegraben haben.

Nur warum? Urkunden und Karten über die unterirdische Stadt fehlen völlig. Dafür mangelt es ™™""™ nicht an "Erklärungen", abends an den Tischen der Weinstube "Kurpfalz". Raubritter hätten ihre Beute über die Gänge auf die Burg transportiert; Mönche hätten sich durch Mutter Erdes Schoß Zugang zum benachbarten Nonnenkloster verschafft; Schwarzbrenner hätten subterranen Schnaps destilliert.

Die professionellen Denkmalpfleger in Mainz sind dagegen seltsam zurückhaltend in ihren Deutungen. Ob die Gänge als Zufluchtsort genutzt wurden oder nur reine Lagerstätten waren, sagt Pia Heberer vom Landesamt für Denkmalpflege, "muß vorerst offenbleiben". Mitte April lud man darum Experten aus zehn europäischen Ländern nach Oppenheim, die mehr Licht ins Kellerdunkel bringen sollten. Im Kegel ihrer Taschenlampen wurde den angereisten Wissenschaftlern eines schnell klar: Das Oppenheimer Labyrinth befindet sich in einem katastrophalen Zustand. In fast allen Kellern türmt sich der Müll aus der Vergangenheit bis unter die Decke, andernorts haben fleißige Heimwerker Mauern gezogen oder eingestürzte Gänge mit Beton gefüllt. Nicht weniger Schaden hat die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahrzehnten angerichtet, als sie beim Bau der Kanalisation die hinderlichen Gänge mit dem Bagger zerstörte.

Nur wenige, wie der Oppenheimer Sektproduzent Volker Gillot, erkannten schon vor Jahren die Bedeutung dieses historischen Gangsystems. Sieben Jahre lang grub Gillot unter seinem Haus und stieß auf immer npe Verbindungen und Gewölbe. 400 Kubikmeter Schutt schaufelte er Eimer für Eimer aus dem Untergrund und fand dabei auch Weinkrüge aus dem 13. Jahrhundert, Menschenknochen und den Helm eines spanischen Soldaten, offenbar Hinterlassenschaft aus dem Dreißigjährigen Krieg. Oppenheim büßte in der Geschichte mehrfach seine verkehrstechnisch und strategisch günstige Lage mit der völligen Zerstörung. Vielleicht einer der Gründe, warum es die Einwohner so heftig unter die Erde trieb. In dem weichen Lößboden, der hier an den Rheinhängen bis zu acht Meter dick ist, ließ sich vortrefflich graben. Wie Maulwürfe fraßen sich Oppenheims Vorfahren kilometerweit durch den Untergrund, nichts von tonnenschweren Lastwagen ahnend, die dereinst durch den Ort donnern würden. Weil durch die Erschütterungen des Schwerverkehrs das Straßennetz einzustürzen drohte, ließ Bürgermeister Menger den Ort für Laster sperren. Zur Zeit werden alle Straßen und Plätze auf Unterhöhlungen untersucht. Ein Aufwand, der die kleine Weinbaugemeinschaft finanziell bei weitem überfordert.

Inzwischen hat auch die rheinland pfälzische Landesregierung den historischen Wert der Anlage erkannt und hilft finanziell aus. Demnächst soll die Altstadt samt ihrem Untergrund unter Denkmalschutz "von besonderer nationaler Bedeutung" gestellt werden. Bis allerdings Wirklichkeit wird, was sich Bürgermeister Menger wünscht einen begehbaren Rundweg unterhalb der Stadt , werden noch Millionen Mark für die Sanierung und tausend Worte der Überzeugung nötig sein. Denn viele Oppenheimer sind nicht ™™™ —"""™ —™" so glücklich darüber, daß ihr Keller plötzlich nationale Bedeutung erhalten soll, wo sie ihn doch als Partyraum oder Öltanklager brauchen konnten. Am Ende, so fürchtet manch Oppenheimer, wird ihn die Wühlarbeit seiner Ahnen viel Geld kosten. Während kürzlich im Rathaus die internationale Expertenrunde tagte, ließ wenige Meter davon entfernt eine Bauherrin ihre Gewölbe vom Bagger einreißen. Sie fürchtete hohe Sanierungskosten. Deshalb, meint Denkmalschützer Günther Stanzl, müsse man den Oppenheimern jetzt dringend erklären, was für sie durch die Wiederherstellung der Anlage herauskomme. Stanzl denkt an unterirdische Gaststätten oder an die Aufzucht von Champignons.

Um ihr finanzielles Problem zu lösen, kamen die Stadtväter jüngst auf eine vordergründig gute Idee: In einem Bettelbrief an das Kölner Bankhaus Salomon Oppenheimer wiesen sie auf die hervorragenden Weroemöglichkeiten hin. Welches Kreditinstitut könne schließlich seinen Kunden die Wurzeln seiner Geschichte zeigen? Doch hätten die Kommunalpolitiker wohl besser daran getan, jene Geschichte vorher noch einmal nachzulesen. Dann hätten sie feststellen müssen, daß der letzte Jude der Stadt, der den Namen Oppenheimer führte, 1765 verjagt worden war. Jener Joseph Oppenheimer hatte sich geweigert, das jahrelang von den ortsansässigen Juden erpreßte "Schutzgeld" zu bezahlen. Philipp Maußhardt