Von Robin Detje

Bei der ersten Kroetz-Uraufführung an den Münchner Kammerspielen im Jahr 1971 gab es einen Skandal: Auf der Bühne zeigte die Schauspielerin Ruth Drexel einen Abtreibungsversuch mit einer Stricknadel, vor dem Theater erklangen die Sprechchöre protestierender bayerischer Bürger.

Bei der jüngsten Kroetz-Uraufführung an den Münchner Kammerspielen, am vergangenen Samstag, gab es nach viel Trubel und Heiterkeit im Publikum endlosen Jubel. Auf der Bühne wurde masturbiert und koitiert; der Protest vor den Theatertüren blieb aus. Zu Zeiten, da auch der Spiegel seine Auflage mit dem Report über den "Super-Orgasmus für 250 Mark" zu steigern versucht, liegt dichter Nebel über dem Begriff vom öffentlichen Ärgernis. Und außerdem tat der Regisseur Kroetz alles, um seine Zuschauer von der Zumutung, die das neue Stück des Dramatikers Kroetz hätte bedeuten können, zu erleichtern und sein eigenes Drama in einen lustigen Abend zu verwandeln.

47 Theaterstücke umfaßt das Werkverzeichnis des Franz Xaver Kroetz inzwischen. Vier davon hat er im Jahr des Skandals 1971 geschrieben; eines heißt "Lieber Fritz" und schildert sehr lakonisch, mit großem Mitleid, beinahe Delikatesse, das Schicksal eines haftentlassenen Exhibitionisten. Fritz wird das Opfer seiner Schwester Hilde und seines Schwagers Otto Holdenrieder, in deren Friedhofsgärtnerei er Arbeit findet. Als er mit Mitzi, der "Seele des Betriebs", ein neues Leben als Gastwirt anfangen will ("Den Mutign gehört die Welt, verstehst."), zwingt der Geschäftssinn das Ehepaar, energisch einzuschreiten.

"Aber eine Form muß gewahrt bleiben", beschließt die Schwester, bevor sie die Pläne ihres Bruders durchkreuzt und Mitzi über Fritzens wahre Natur aufklärt. Mitzi verzichtet. "Dankeschön für das, was ihr für mich tan habts", sagt Fritz brav, bevor er geht.

"Lieber Fritz" erzählt von den kleinen Gefühlen kleiner Leute und von der Brutalität, mit der sie einander niederhalten, damit alles seine Ordnung hat. Zum Ausbruch kommt nichts, Fritz Drama findet nicht statt. Das ist das Drama. Die Figuren der frühen Stücke von Franz Xaver Kroetz waren zu beschäftigt mit dem Überlebenskampf, um für große Gefühle Zeit zu haben. In der Kleinlichkeit ihrer zerstörten Leben entdeckte ihr Autor traurige und tragische Größe. Solche Menschen hatte es auf dem deutschen Nachkriegstheater vor Kroetz nicht gegeben.

Zeit seines Lebens als öffentliche Figur hat Franz Xaver Kroetz mit sich selbst, seinem Ruhm und seinem politischen Anspruch wüste Ringkämpfe ausgefochten; als Mitglied der DKP, für deren "Tribunal gegen Mietwucher und Bodenspekulation" er ein Stück schrieb (uraufgeführt 1973, "Regie: kollektiv"), als Fernsehschauspieler und Kolumnist der Bild- Zeitung, zuletzt als Protokollführer seiner eigenen hypochondrischen Anfälle und Schreibhemmungen. Aus beidem machte er Komödien, die "Der Dichter als Schwein" hießen oder "Bauerntheater", Boulevardstücke sein wollten und nicht wirklich komisch waren: Versuche der Selbsterniedrigung. Kroetzvernichtung.