Um Himmelswülen, Kindchen!"

Das Töchterchen von Bekannten, damals etwa vierzehn und damit so alt wie die sozialliberale Koalition, hatte nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler 1983 ganz schlecht geträumt, es hatte im Traum die Nazis wiederkommen sehen "Um Himmelswillen, Kindchen!" riefen die Eltern entsetzt am Frühstückstisch aus, "jetzt übertreibst du auch noch im Traum - "Aber habt ihr nicht selbst gesagt ", verteidigte das Töchterchen sich und sein Unbewußtes, worauf es sich staatsbürgerlich belehren lassen mußte: Auch wenn man persönlich die Christdemokraten verabscheue, was jedermann unbenommen sei, dürfe man ihnen auf keinen Fall die demokratische Grundeinstellung absprechen, außerdem gehe auch unter einem Kanzler mit dem Namen Kohl statt Schmidt das Leben weiter.

Und wie so oft behielten die klugen Eltern recht.

Unter Kohl ging nicht nur das Leben weiter, es zog sogar etwas angenehm Entlastendes in unser Leben ein.

Es waren keine größeren intellektuellen Anstrengungen mehr nötig, um ein kritisches Verhältnis zur Staatsgewalt darzustellen. Ein Taschenbuch mit einer Sammlung von Kohl Witzen verschenken, das reichte schon aus, um sich als oppositioneller Geist auszuweisen und sich gleichzeitig selbst ein bißchen erhaben und weniger machtlos zu fühlen. Der Kopf war endlich befreit, sich mit anderen Dingen als mit lästiger Politik zu beschäftigen. Gegen Kohls Amtsvorgänger hatte man immer noch dieses oder jenes Argument ins Spiel bringen müssen, um zu begründen, warum man dagegen war, bei Kohl reichte ein Kohl Zitat oder manchmal die bloße Namensnennung aus. In einem unvorhergesehenen Ausmaß wurde unter Helmut Kohl Unzufriedenheit mit der Regierung demokratisiert, popularisiert und dazu mit ausgesprochen lustvollen Akzenten versehen. Kohl wurde, glaube ich, vor allem deshalb zweimal wiedergewählt, weil sich die Mehrheit der Bundesbürger nicht freiwillig des schmerzlosen Vergnügens am Dagegensein berauben wollte.

Schmerzlos war dieses Vergnügen deshalb, weil sich politische Unzufriedenheit auf dem sicheren Grund breiten kulturellen Einverständnisses entwickeln konnte. Mit Kohl zog der Geist des wärmend Bodenständigen, regional Übersichtlichen in die politische Arena ein, der im Jahr 1983 auch die damals frische Kraft der Grünen beseelte. Wie kein anderer Regierungschef vor ihm verkörperte Kohl etwas parteiübergreifend Deutsches, das Erbe mißglückter Emanzipation, und zwar in der vergleichsweise liebenswürdigen Variante abgebrochener Emanzipation von der Provinz. Kohl ist gerade dann ein besonders deutscher Kanzler, wann er sich vergeblich anstrengt, auch sprachlich vom Pfälzischen zum Deutschen überzugehen. Damit kann er sich, was zweifellos seinen Erfolg auch im östlichen "Betrittsgebiet" erklärt, selbst in der Oberlausitz verständlich machen.

Kohl hat unsereitem freilich auch da und dort fürchterlichen Schrecken einjagen können. Bitburg 1985, das Zögern um die Anerkennung der deutsch polnischen Grenze 1990, das ließ die Alarmglocken schrillen, etwas bösartig Unberechenbares brach da in die Idylls der Kohlschen Dekade ein. Als inzwischen leidlich angelernter Kohl Bürger habe ich jedoch auch mit diesen Schreckensmomenten leben gelernt. Auf das Alarmsignal von Bitburg folgte alsbald die besänftigende Weizsäcker Rede, und unter den Grenzvertrag wurde nach theatralischem Hin und Her die Unterschrift gesetzt. Zuerst die große Aufregung, dann die beruhigende Entwarnung, die sagt, daß alles gar nicht so gemeint gewesen war: das stellte sich mit der Zeit als der spezifisch kohlsche Handlungsrhythmus heraus, der uns einerseits am völligen Einschlafen hinderte, andererseits aber keine ernsten Ruhestörungen befürchten ließ.