Von Heinz Blüthmann

Frau Dorothea Holland könnte längst Deutschlands prominenteste Staatsanwältin sein – aber bis heute kennen sie nur Insider. Das große Los, um das sie fast alle Kollegen damals beneideten, zog die Juristin vor mehr als einem Jahr. Nach der seelenlosen Geschäftsordnung der Staatsanwaltschaft Darmstadt bekam sie den Fall Lopez zugeteilt, den schlagzeilenträchtigsten Wirtschaftskrimi der Nachkriegszeit: Opel gegen Volkswagen, ein Krieg der größten Automobilkonzerne Amerikas und Europas, in dessen Mittelpunkt die schillernde Figur des früheren Opel-Chefeinkäufers Ignacio López steht. Die Story, nach der sich sämtliche Staatsanwälte die Finger lecken würden: Löpez soll, so der Verdacht Opels, bei seinem Wechsel zu Volkswagen im März 1993 von Opel und dem Mutterkonzern General Motors als Industriespion Autogeheimnisse mitgenommen und einen Milliardenschaden angerichtet haben. Doch wie es nun ausschaut, sind Frau Holland als Löpez-Killerin viele Felle davongeschwommen.

Der Fall ist gekippt. Als sicher abgehaktes Beweismaterial kommt jetzt aus ungeklärten Quellen und wird deshalb kaum verwertbar sein. Noch viel schlimmer: Die Staatsanwältin selbst muß sich verteidigen, weil sie ins Zwielicht geriet. Ihre Unabhängigkeit und Unbefangenheit steht in Frage. Prompt hingen ihr die Vorgesetzten einen Maulkorb um und kündigten an, die Arbeitsweise von Frau Holland solle "einer kritischen Beweiswürdigung" unterzogen werden.

Der hessische Generalstaatsanwalt Hans-Christoph Schaefer zog diese Notbremse höchstpersönlich in der vergangenen Woche, nachdem merkwürdige bis skandalöse Details der Holland-Ermittlungen gegen Lopez und Volkswagen publik geworden waren.

Da kam zunächst das Geheimnis der vierten Kiste ans Licht. Die Polizei hatte am 22. Juni des vergangenen Jahres vier Umzugskisten in der ehemaligen Wohnung der Lopez-Mitarbeiter Jorge Alvarez und Rosario Piazza in Wiesbaden-Breckenheim sichergestellt. Doch nach der eidesstattlichen Versicherung eines Nachbarn, des Unternehmensberaters Stefan Cordes, hatten die beiden spanischen Opel-Jungmanager nur drei der vier gefundenen Kisten zurückgelassen, als sie wie ihr Mentor Löpez zum Volkswagenkonzern wechselten. Cordes konnte ausgerechnet die einzige etwas größere Kiste – Asservatennummer 3 – nicht identifizieren, in der Frau Holland und ihre Hilfskräfte die vermeintlichen geheimen Opel-Unterlagen über ein Kleinwagenprojekt mit dem Code "O-Car" fanden.

Woher die entscheidende Kiste kam, kann die Staatsanwaltschaft jetzt nicht mehr erklären. Es ist nicht einmal hundertprozentig auszuschließen, daß sie von interessierter Opel-Seite den beiden López-Getreuen Alvarez und Piazza untergeschoben werden sollte, um den Spanier zur Strecke zu bringen. Noch verheerender als die Kisten-Pleite wirkt die "Hoffmann-Connection" der Frau Holland. Und die geht so: Erst kam Opel-Chef David Herman Presseberichten zuvor und gab den Einsatz von privaten Detektiven im López-Fall zu. Die Limburger Detektei Personal Security Service (PSS) bespitzelte danach den neuen Volkswagen-Einkaufschef Lopez und seine meist spanischen Mitstreiter und verschaffte sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen sogar Zugang zu deren Privatwohnungen.

Dann wurde klar, wer sich hinter PSS verbirgt: Jean-Louis Royet, Ehemann der Firmeninhaberin und zugleich Kriminalbeamter im Dezernat 51 des Landeskriminalamts Mainz. Weil diese Kombination gegen das Gesetz verstößt, mußte Royer, der außerdem noch eine Schule zur Selbstverteidigung betreibt, inzwischen den Dienst beim LKA quittieren.