Im Mai 1967 suchte der Amerikaner Hubert H. Humphrey seinen Leibarzt auf: Blut verfärbte den Urin des damaligen US-Vizepräsidenten – ein Anzeichen für Blasenkrebs. Verschiedene Mediziner untersuchten den demokratischen Politiker, konnten sich aber nicht auf eine Therapie einigen. Man wartete ab. Als sich Humphreys Befinden in den nächsten Jahren verschlechterte, wurde klar, daß er einen bösartigen Tumor hatte. Die Erkenntnis kam zu spät: 1978 starb Humphrey an Blasenkrebs.

Jetzt haben US-Mediziner Anzeichen für den Verdacht gefunden, daß Humphrey bereits bei seinem ersten Arztbesuch schwer krank war (New England Journal of Medicine, Band 330, S. 1276). Mit der Erlaubnis der Witwe untersuchten sie Humphreys Erbgut aus eingefrorenen Gewebeproben und vervielfältigten mit der Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) auf dem Chromosom neun einen Abschnitt, auf dem das sogenannte Tumor-Suppressor-Gen p53 liegt. Sechzig Prozent der Blasenkrebspatienten haben auf diesem Abschnitt eine Mutation; auch die Analyse von Humphreys Erbgut ergab dort eine Mutation.

Möglicherweise waren Humphreys Zellen bereits 1967 "in einer Phase aggressiven Wachstums", folgern die Mediziner. Damals jedoch waren die Diagnosemöglichkeiten beschränkt, die Molekularbiologie noch ganz am Anfang. Doch hätten die Ärzte bereits 1967 die Krankheit erkannt und therapiert, wäre womöglich Humphreys Leben und damit der Lauf der Geschichte geändert worden. Vielleicht hätte ein genesener Humphrey größere Chancen gehabt, Präsident der USA zu werden (1968 unterlag er Richard Nixon). Oder er hätte sich nach der Diagnose als schwerkranker Mann aus der Politik verabschiedet und ins Privatleben zurückgezogen. Der Fall Hubert H. Humphrey zeigt jedenfalls, und nicht nur nach Ansicht der Mediziner, das "machtvolle Potential" der PCR-Methode bei der frühen Krebserkennung. jb