Von Jürgen Krönig

Der anglo-deutsche Konflikt, der über die Gefahren des Rinderwahnsinns für den Menschen entbrannt ist, treibt in dieser Woche mit dem Treffen der europäischen Agrarminister auf einen Höhepunkt hin: Will die Bundesregierung ein Exempel gesundheitspolitischer Subsidiarität statuieren, wie es Horst Seehofer und mit ihm laut jüngsten Umfragen beinah neunzig Prozent der Deutschen verlangen, und ein totales Importverbot fordern? Für Großbritannien ist es ein schwacher Trost, die Brüsseler Bürokraten und zehn EU-Partner auf seiner Seite zu wissen. Die Regierung in London grollt und droht mit Vergeltung. Man wirft der Bundesregierung "hysterische Überreaktion" vor, spricht von "wissenschaftlich fadenscheinigen Begründungen" und beschuldigt sie ganz unverhüllt des zynischen Stimmenfangs im Wahljahr.

Kann der BSE-Erreger überhaupt auf den Menschen überspringen? Besteht schon durch den Genuß von Muskelfleisch von BSE-infizierten Rindern eine Ansteckungsgefahr? Dies sind die Fragen, die Gesundheitsminister Seehofer und seine Mitarbeiter umtreiben. Der Minister weist zu Recht darauf hin, daß BSE noch immer viele Rätsel aufgibt. Eines aber ist sicher: In Laboruntersuchungen konnte BSE auf eine Reihe von Säugetieren übertragen werden, etwa auf Mäuse, Schweine und Affen – letztere sind dem Menschen physiologisch am ähnlichsten. Die Schlußfolgerung: Die Übertragung auf den Menschen kann nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden. Zumindest ein Restrisiko besteht also.

Während die deutsche Seite vom schlimmstmöglichen Szenario ausgeht, hat sich die britische Regierung für eine weniger düstere Hypothese entschieden. Für eine menschliche Gefährdung gäbe es keinen Beweis, heißt es in London. Hinweise auf eine Zunahme von CJD (Creutzfeld Jakob Syndrom, die menschliche Variante von BSE) lägen nicht vor, anderslautende Behauptungen werden als unseriöse Panikmache der Medien gewertet. Wer so argumentiert, für den reduziert sich der Streit über die verrückten Rinder in der Tat auf ein handelspolitisches Problem.

"Der Ärger mit den Deutschen ist", sagt Kevin Taylor, ein ranghoher Veterinär des Ministry of Agriculture, Fisheries and Food, kurz MAFF, "wann immer wir mit ihnen sprechen, geben sie uns eine andere Begründung." Allerdings zeichnet sich das britische Landwirtschaftsministerium seinerseits nicht gerade durch bestechende Logik in der eigenen Argumentation aus. Ein Kompromiß scheint kaum möglich. Ironischerweise halten sich beide Regierungen an dieselbe wissenschaftliche These über den Ursprung von BSE. Danach soll der Scrapie-Erreger, der seit Jahrhunderten Schafe befällt, auf das Rind übergesprungen sein. Dafür verantwortlich gemacht wird ein unappetitliches Futter, in dem Kadaver von Schafen verarbeitet wurden. Dieses Fleisch- und Knochenmehl durfte in Großbritannien bis Mitte 1988 an Kühe verfüttert werden. Mittlerweile haben die Veterinäre des MAFF die Scrapie-BSE-These ergänzt. Möglicherweise sei die Rinderseuche durch ein kannibalistisches Element moderner Viehfütterung verschärft worden. Bis Mitte 1988 wurde britischen Kühen in dem Fleisch- und Knochenmehl auch das Hirn ihrer toten, von BSE befallenen Artgenossen vorgesetzt.

Dem Verbot des Scrapie-infizierten Futters waren optimistische Prognosen über das baldige Abklingen der Seuche gefolgt. Gleichwohl stieg die Zahl infizierter britischer Rinder dramatisch an. Immer noch werden jede Woche rund 650 verrückte Kühe getötet und in Hochtemperaturöfen verbrannt. Beunruhigender noch: Mittlerweile sind über 8000 Rinder an BSE erkrankt, die mit dem verdächtigen Futter überhaupt nicht in Berührung gekommen sind. Ein Teil dieser Tiere stammt aus BSE-freien Herden. Höchst irritiert reagieren MAFF-Beamte auf eine andere, unerwartete Entwicklung. Auf der regierungseigenen Versuchsfarm im Exmoor sind kürzlich vier Rinder einer sogenannten low input mit an BSE erkrankt; die Tiere dort werden ausschließlich mit Gras und Silage gefüttert. Eine andere Versuchsherde, die unter biologischen Bedingungen gehalten wird, ist dagegen weiterhin BSE-frei. Überhaupt sind die biologischen Farmen Großbritanniens von BSE verschont geblieben. Dabei war es den biologischen Bauern erlaubt, bis zu zwanzig Prozent tierischen Futters zu verwenden.

Nach außen hin verteidigt das MAFF die offizielle BSE-Doktrin und versucht, jeden Zweifel daran im Keim zu ersticken. Wissenschaftliche Dokumente des Ministeriums aber belegen, daß Veterinäre und andere Experten des Ministeriums behutsam von der offiziellen These abzurücken beginnen. Ray Bradley von der veterinärmedizinischen Forschungseinrichtung im südenglischen Weybridge erklärt: "Ich kenne den BSE-Erreger genausowenig wie jeder andere Forscher, unsere epidemologischen Tests gehen weiter, wir sind offen ..." Für Bradley gilt Scrapie nur noch als die "eine mögliche Ursache" für BSE. Sir Richard Southwood, Vorsitzender der ersten von der Regierung einberufenen BSE-Kommission, gesteht "wissenschaftliche Unruhe" darüber, daß die Epidemie weiter anhält: Alle Voraussagen über ihr baldiges Ende würden bislang Lügen gestraft. Auch die jüngsten Erfolgsmeldungen des Ministeriums über einen Rückgang der BSE-Fälle basieren lediglich auf dem Teil der Statistik, in dem "vermutete Fälle" aufgelistet werden. Gravierende Zweifel an der etablierten BSE-Theorie werden im Journal of Infectious Diseases der Universität von Chicago geäußert. Achtzehn Kälbern wurde Scrapie-infiziertes Gewebe injiziert. Nach vierzehn bis achtzehn Monaten waren alle Tiere nicht von BSE, sondern von der Motor-Neuron-Krankheit befallen.