Sarkastisch fragte ein amerikanisches Nachrichtenmagazin im vergangenen Jahr: "How to travel the world without getting shot?" Selbstredend wußte das Blatt auch keinen todsicheren Tip fürs Überleben unterwegs. Es behalf sich – wie viele andere Publikationen seither auch – mit einer Weltkarte, auf der Länder kurzerhand als "gefährlich" eingestuft wurden. Sei es, daß es sich um Kriegs- oder Krisengebiete handelte, daß Reisende dort zu Schaden gekommen waren oder aber politische Extremisten mit Übergriffen gedroht hatten.

Bleibt es bei dieser zweifelhaften Klassifizierung, dann wird die kartographische Bilanz wohl mit jedem Jahr düsterer ausfallen. Nach den Schüssen am Nil und in der Türkei und nach den Touristenmorden in Florida, die das Image des Sunshine-Staates in eine massive Sonnenfinsternis stürzen ließen, müßte nun – ausgelöst durch den Überfall auf ein deutsches Ehepaar – auch Kalifornien der Bannstrahl treffen.

Daß die Medien diese emotionsgeladenen Vorfälle in aller Breite präsentieren, bleibt nicht ohne Wirkung, und selbst besonnene Gemüter verlieren da manchmal den Blick für die Verhältnismäßigkeit der Ereignisse. Denn gemessen an Millionen deutscher Touristen, die sich jährlich auf Achse begeben, ist dies eine verschwindend geringe Zahl.

Zudem entsteht der Eindruck, als handle es sich bei einem Touristen um ein besonders schützenswertes Individuum. Dabei unterscheidet sich sein Recht auf körperliche Unversehrtheit logischerweise nicht von dem eines ansässigen Einwohners.

Richtig ist allerdings, daß sich, wer reist, größeren Unwägbarkeiten und damit potentiellen Gefahren aussetzt. Dieses Gefühl jedoch ist vielen Touristen abhanden gekommen, seitdem sie, in die Sicherheit einer Reisegruppe eingebettet und ständig betreut, mit den Alltagsgegebenheiten ihres Urlaubslandes kaum mehr in Berührung kommen. Vorsichten, die sie zu Hause ganz selbstverständlich walten lassen, schlagen sie in der fremden Umgebung mit kaum nachvollziehbarer Unbekümmertheit in den Wind.

In den abgegrenzten Ferienarealen, wie sie allerorten entstanden sind – und lange Zeit schien ganz Florida ein einziger Ferienclub zu sein –, bleibt die Illusion vom heilen Urlaubsparadies meist unangekratzt. Doch schon eine Fahrt im Taxi statt im Gruppenbus kann für den Reisenden zu einer harten Konfrontation mit der Wirklichkeit werden.

Seitdem Ferien wie ein x-beliebiges Produkt gehandelt werden – im Falle von Mängelrügen sogar abgesichert durch das deutsche Reiserecht –, hat sich der Trugschluß manifestiert, der Handel mit dem Ferienglück könne nach den Gesetzen eines business as usual vollzogen werden. Dabei geriet die Realität der Reiseländer völlig aus dem Blick. Fremde Länder und Kulturen werden zunehmend nur noch als Urlaubskulisse wahrgenommen und die Bewohner als folkloristische Beigaben.