Ein bißchen verhärmt sieht es schon aus, dieses Rotkäppchen, wie es da zu Tische sitzt zwischen Großmutter und Holzfäller. Holzfäller? Allerdings! Denn der amerikanische Photokünstler William Wegman hat das vielgeliebte Märchen der Brüder Grimm ein klein wenig anders nacherzählt (ohne Jägermeister). Und nachgestellt: mit seiner munteren Hundekoppel, sogenannten Weimaranern. Das ganz neue Rotkäppchen-Bild, das sich hierdurch nicht nur für den großen und kleinen Laien-Leser, sondern auch für die Literaturwissenschaft im allgemeinen und die stets rege Märchenforschung im besonderen ergibt, ist frappant: War das Archetypisch-Mythisch-Sexuelle gerade dieser Geschichte immer schon überdeutlich, so thematisiert sich auf diesen bezaubernd irritierenden Bildern auch ihre tiefverborgene und weit über die Person des Wolfes hinausgehende animalischpräanthropromorphe Grundtendenz aufs offensichtlichste. Doch William Wegman, dessen tieflotenden Weimaraner-Meditationen in allen intellektuell präsenten Buchhandlungen zwischen Broadway und Columbus Avenue in höchsten Stapeln ausliegen, hatte es hierzulande immer schon etwas schwerer. Wir erinnern uns: Deutsch sein heißt, eine Sache um seines Hundes willen zu tun. Insofern scheint es zweifelhaft, ob der Amerikaner es selbst mit diesem zutiefst deutschen Sujet gelingt, in dem weltweit größten und bedeutendsten Hundefreundeland aller Zeiten nicht zuletzt sozusagen auch menschlich-künstlerisch zu überzeugen. (William Wegman: "Rotkäppchen"; Verlag Schirmer/Mosel, München; 40 S., Abb., 24,80 DM) B.E.