Die Deutschen haben zwar Beethoven und Goethe, aber keine Krebsforscher: Dieses harsche Urteil fiel, vorgetragen im breiten texanischen Akzent, auf dem amerikanischen Krebskongreß (ASCO) vergangene Woche in Dallas. In der Tat haben bei der ASCO Tagung, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, unter den zehntausend (!) Teilnehmern deutsche Wissenschaftler kaum eine Rolle gespielt.

Zwar waren die deutschen Wissenschaftler beim Gesellschaftsabend auf der South ForkRanch reichlich vertreten, kamen aber im telephonbuchdicken Programmheft, in dem die Ergebnisse klinischer Studien aufgeführt waren, nahezu nicht vor.

Nun wird gewiß auch in den Vereinigten Staaten bei der Krebstherapie meist nur mit Wasser gekocht. Doch deutsche Kliniker werden zu internationalen Prüfungen für innovative Krebsbehandlung kaum noch gebeten. Dabei sind gewiß deutsche Kliniken für die Erarbeitung solch anspruchsvoller Studien prinzipiell nicht weniger geeignet als italienische, französische oder englische Hospitäler. Die Gründe für dies bedauerliche Hinterherhinken liegen ganz woanders. Nicht das fehlende Geld, nicht fehlende Krankenhäuser sind es, die eine internationale Zusammenarbeit erschweren. Nein, es sind der Eigensinn mancher deutscher Forscher und ihre mangelnde Bereitschaft, von liebgewordenen Vorstellungen in der Krebstherapie Abschied zu nehmen. Deutsche Mediziner denken immer noch zu sehr in herkömmlichen nationalen "Medizinschulen", die seit eh und je die Therapiekonzepte bestimmen.

Das wirkt sich bereits bei der Auswahl der Patienten für eine experimentelle Therapiestudie negativ aus. So muß um Zustimmung der Kranken für eine neue Therapie zeitaufwendig geworben werden, ohne ausführliche Erklärungen und bürokratische Prozeduren geht das nicht. Dabei genügt die amtliche Unterschrift auf einem Formblatt nicht. Auch deshalb fällt es schwer, hierzulande Kranke für eine neue Therapie zu gewinnen; und das wiederum verstehen Mediziner in anderen Ländern nicht. Auch Standesdünkel hemmt hierzulande Fortschritte. Kein Klinikchef mag sich gern in seine Karten schauen lassen. Doch die Anwendung neuer Therapieformen bedarf genauer Kontrollen des Vorgehens, sie macht eine hierzulande eher ungewohnte Transparenz der ärztlichen Tätigkeit erforderlich.

Kein Wunder also, wenn ausländische Kollegen den nicht unbegründeten Verdacht äußern, daß deutsche Klinikchefs mehr um ihre Reputation als um die Forschung besorgt seien. Halsstarrig halten sie an ihren traditionellen Behandlungskonzepten fest, und das nicht nur aus Rücksicht auf ihre Position oder aus Scheu vor bürokratischem Aufwand.

Nicht am deutschen Wesen überkommener Tradition der Medizinschulen könne die Welt genesen, stichelte in Dallas ein prominenter, aus Deutschland stammender amerikanischer Krebsforscher: Allein geeignete Therapien würden den Krebskranken wirklich helfen.