Während die einen mit Freude den mobilen Fortschritt genießen, machen andere um die moderne Funktechnik einen großen Bogen. Sie fürchten um ihre Gesundheit – wegen des Elektrosmogs, erzeugt durch die elektromagnetischen Wellen. Die werden zwar auch von herkömmlichen Rundfunktürmen, Hochspannungsleitungen und elektrischen Geräten produziert. Doch ausgerechnet der Mobilfunk heizte die Diskussion an. Die Strahlen werden nicht nur von den vielen tausend Mobilfunktürmen abgesandt, sondern auch von den beliebten kleinen Apparaten.

Das Risiko des Wellen-Booms macht mittlerweile sogar einer großen Branche zu schaffen: der Versicherungswirtschaft. Achim Kann, Vorstandsvorsitzender der Frankona Rückversicherung in München, faßt das Problem der Assekuranz so zusammen: "Wenn sich bestätigen sollte, daß von elektromagnetischen Feldern schädigende Wirkungen auf Menschen und Maschinen ausgehen, stehen wir vor einem Schadenspotential, dessen Ausmaß nicht einmal ungefähr abzuschätzen ist."

Mit dieser Einschätzung steht der Manager nicht allein. In einem Papier des amerikanischen Energieministeriums hieß es bereits zu Beginn der neunziger Jahre: "Das Thema ist komplex, aber der Preis der Ignoranz könnte erheblich sein. Unnötige Vorschriften kosten möglicherweise viele Milliarden; eine nicht behobene Gefahr aber wäre eine menschliche Tragödie."

In den Vereinigten Staaten gibt es bereits die ersten Prozesse. So klagte beispielsweise ein Ehemann auf Schadenersatz, nachdem seine Frau durch einen Gehirntumor gestorben war. Tägliches mehrstündiges Telephonieren mit einem Mobilfunkgerät soll ihn verursacht haben. Allerdings: Der spektakuläre Fall ist eine Konsequenz aus dem amerikanischen Rechtssystem. Es läßt Klagen mit vager Begründung ohne Kostenrisiko für den Kläger bei Vereinbarung eines Erfolgshonorars für den findigen Anwalt zu. Doch auch in Großbritannien wurden schon die Richter bemüht. Die Eltern eines an Leukämie erkrankten Kindes klagten auf Schadenersatz – in diesem Fall gegen den Betreiber einer Hochspannungsleitung.

In der Bundesrepublik gibt es derlei Prozesse noch nicht. Dennoch ist die Versicherungswirtschaft alarmiert, Julius von Rotenhan von der Frankona: "Wir sind zwar dazu da, Risiken zu übernehmen, nicht aber dazu, mit offenen Augen ins Verderben zu rennen." Im April vergangenen Jahres bat der Konzern deshalb die eigene Branche zu einem Seminar, um das Problem zu beleuchten.

Besonders gefürchtet sind marktweite "Flächenbrände", die sich immer dann ergeben können, wenn ein Haftpflichtversicherer gleich mehrere gleichartige Gefahrenquellen abdeckt; in diesem Fall also zum Beispiel Policen von Kunden aus dem Kreis der Energieversorger, Funkturmbetreiber und Gerätehersteller zugleich in seinem Bestand hat. Im Ernstfall wird dann nämlich die Assekuranz mit massenhaften Ansprüchen konfrontiert. Ein solcher "Flächenbrand könnte finanzielle Folgen für die gesamte Versicherungswirtschaft mit katastrophalen Auswirkungen haben", dozierte Ernst Wehe von der Frankona vor seinen Kollegen. Zentrales Thema war deshalb: Wie können sich die Versicherer vor unkalkulierbaren Katastrophenrisiken schützen?

Selbstbehalte stehen ebenso zur Debatte wie eine Begrenzung der Schadenssumme. Diskutiert wird aber auch ein rigoroser Schritt, der für die Mobilfunkbranche enorme Konsequenzen hätte: Die Versicherer könnten in den Policen mit ihrer Kundschaft aus der Wirtschaft Schäden durch elektromagnetische Strahlung einfach ausschließen.