Die Demokratie ist eine banale Staatsform, nur daß es nach dem bekannten Wort keine bessere gibt. Wie sollte der Mechanismus der Präsidentenwahl nicht dem banalen Muster folgen?

In einer Parteiendemokratie muß die Prozedur der Parteienarithmetik folgen, und sie ist ihr bisher immer gefolgt. Nur Illusionäre meinen, daß man in den Parteihauptquartieren besorgt sei, den wirklich besten Kandidaten ausfindig zu machen.

So war es nicht bei Lübke, bei Heinemann, bei Scheel und nicht bei Carstens, bei denen es denn auch jedes Mal um Machtfragen ging und die zu Kampfabstimmungen mit der denkbar geringsten Mehrheit. Das wurden dann, jeder auf seine Art, zwar nicht bedeutende, aber noble Präsidenten. Bei einer Wahl durch die Bevölkerung wäre jedoch keiner von ihnen auf den Schild gehoben worden.

Nur zweimal – und das ist im Grunde schon sehr viel – ist es zu Glücksfällen gekommen, bei Theodor Heuss und bei Richard von Weizsäcker. Beide erfüllten völlig unvorhergesehenerweise die Bedingungen von geistiger Macht bei gleichzeitig breitester Popularität. Aber Heuss und Weizsäcker stellten das Gemeinwesen im Grunde über seinem Niveau dar.

Roman Herzogs Wahl ist diesem Muster gefolgt, und man soll nicht die Verfassung ändern wollen, weil ein anderer Kandidat als der eigene reüssiert hat. Sicherlich wäre Richard Schröder ein Präsident geworden, dessen moralische Person und politische Position die beiden Teile des Landes sichtbarer zusammengefügt hätten, und Edzard Reuter wäre der intellektuellen Herausforderung des Amtes vermutlich eindrucksvoller gewachsen gewesen.

Die Sozialdemokraten Richard Schröder wie Edzard Reuter standen zur Verfügung, aber die Partei wollte ihren rheinischen Parteisoldaten Rau belohnen, und die Christdemokraten hatten mit ihrem niederbayerischen Verfassungsrichter Herzog, der sich nach jedem Interview selber interpretieren muß, ihre taktischen Interessen für die kommende Bundestagswahl im Auge.

Publizist und Verleger