Von Heinz-Günter Kemmer

Wenn eine Krise zu Ende geht, ehe ihre vermeintliche Ursache beseitigt ist, darf man wohl daran zweifeln, ob die richtige Ursache wirklich erkannt worden ist. In der europäischen Stahlindustrie gibt es jedenfalls weiterhin Überkapazitäten, und dennoch bessert sich das Klima. Die Abwrackaktion, die die Europäische Union initiiert hatte, ist nach Meinung von Europa-Kommissar Karel van Miert ein Mißerfolg gewesen, weil das angestrebte Ziel nicht mehr zu erreichen ist. Und auch Ruprecht Vondran, der Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, sieht allenfalls einen Teilerfolg.

Es sind nicht die Überkapazitäten, die den Markt ruinieren, sondern diejenigen, die wider alle Vernunft mehr produzieren, als der Markt verträgt. Zugegeben – ohne freie Kapazitäten geht das nicht. Aber es gibt auch keinerlei Zwang, die überschüssigen Kapazitäten um jeden Preis einzusetzen. Es sind Menschen, die die Preise durch ein Überangebot ruinieren, nicht die Anlagen, mit denen die Überschüsse produziert werden. Und im übrigen ist es eine Illusion zu glauben, man könne die Kapazität der Produktionsanlagen immer genau dem Bedarf anpassen und damit sozusagen automatisch verhindern, daß zuviel erzeugt wird.

Die Frage ist, warum überhaupt mehr produziert wird, als der Markt verträgt. Jeder Produzent weiß doch, daß er sich damit selbst schadet. In der Tat gibt es unterschiedliche Motive dafür, mehr Stahl herzustellen, als die Abnehmer kaufen wollen. Da ist das Bestreben, die Kosten je Tonne durch eine höhere Produktion zu senken. Stahlerzeugung ist schließlich kapitalintensiv. Aber es geht auch um die Sicherung von Arbeitsplätzen. In einigen Ländern der Europäischen Gemeinschaft ist die Stahlerzeugung ein Teil der Beschäftigungspolitik, in anderen ist es zumindest schwierig, den Personalbestand schnell an veränderte Marktverhältnisse anzupassen.

Das gilt besonders für die Bundesrepublik, in der die Montanmitbestimmung den Arbeitnehmern der Stahlunternehmen ein Mitwirkungsrecht einräumt, das notwendige Entlassungen zumindest stark verzögern kann. Die Frage ist nur, ob die Arbeitnehmer und ihre Repräsentanten gut beraten sind, wenn sie sich einem wegen des technischen Fortschritts möglichen Arbeitsplatzabbau in Zeiten guter Stahlkonjunktur widersetzen. Verhindern können sie die Entlassungen nicht, allenfalls gelingt es ihnen, sie auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Dann aber kommt es gleich zu massiven Entlassungswellen. So sind von den 180 000 Beschäftigten, die die Branche noch Ende 1989 in den alten Bundesländern zählte, bis Ende 1993 – also in nur vier Jahren – rund 50 000 verschwunden. Und das ist noch nicht das Ende. Vermutlich werden in den alten Bundesländern in diesem Jahr noch einmal 15 000 Menschen ihren Arbeitsplatz in der Stahlindustrie verlieren. Auch das wird noch nicht der Endstand sein – die Rationalisierung geht weiter. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, daß die Stahlfirmen vor zwanzig Jahren dreimal so viele Menschen beschäftigt haben wie heute.

Dieser gewaltige Arbeitsplatzabbau war freilich für die Arbeitgeber nicht zum Nulltarif zu haben. Sozialpläne, die in der Montanindustrie traditionell gute Konditionen für die betroffenen Arbeitnehmer bieten, kosten viel Geld, mindern also den Spareffekt. Im Augenblick sieht es freilich so aus, als gehe die Zeit der großzügigen Sozialpläne ihrem Ende zu. Angesichts leerer Kassen versuchen die Unternehmen, von der bisher geübten Praxis abzugehen. Mehr als 35 000 Mark je Arbeitnehmer werde man künftig nicht mehr zahlen, ist aus der Branche zu hören. Das bewährte Instrument der vorzeitigen Pensionierung, das den Entlassenen in guten Zeiten bis zum Eintritt der Rentenzahlung mit Vollendung des sechzigsten Lebensjahres mehr als neunzig Prozent ihres früheren Nettoeinkommens sicherte, ist ohnehin kaum noch anzuwenden, weil es so gut wie keine Stahlarbeiter gibt, die dafür alt genug sind.

Dabei hat sich der Personalabbau für die Unternehmen durchaus gelohnt. Immerhin kostet ein Arbeitsplatz im Jahr gut und gerne 70 000 Mark – 60 000 Arbeitnehmer weniger bedeuten also rein rechnerisch 4,2 Milliarden Mark mehr in der Kasse. Oder anders gerechnet: Die Erzeugungskosten je Tonne sinken um mehr als 100 Mark. Nur deshalb schreiben die Unternehmen allmählich wieder schwarze Zahlen, obwohl die Preise noch weit vom hohen Niveau des Boomjahres 1989 entfernt sind. Die schlanker gewordenen Unternehmen kommen jetzt eben auch bei niedrigen Preisen zurecht. Die Ruhe an der Stahlfront ist freilich trügerisch. Nicht wegen der immer noch vorhandenen Überkapazitäten, sondern wegen der latent lauernden Subventionitis. Sie setzt immer wieder die Marktkräfte außer Gefecht und verhindert, daß die Fußkranken der Branche ausscheiden. Wenn der Markt wieder kippt – und das ist nur eine Frage der Zeit –, wird es wieder Regierungen geben, die den Stahlunternehmen unter die Arme greifen und ihnen das geben, was ihnen der Markt verweigert.