Das war ein schöner Artikel damals, von Hans Magnus Enzensberger, "Die Helden des Rückzugs", 1989, auch schon wieder fünf Jahre her, Kinder, wie die Zeit vergeht! Ist viel gelobt und zitiert worden, wie er da so den Gorbatschow preist etc, und weil dieser Aufsatz, etwas überraschend, in einem deutschnationalen Feuilleton stand, kurz nach dem Mauerfall, mit dem seinerzeit üblichen Hurfa Germania Gekeuche drumherum (Mathias Schreiber! Wo ist der geblieben?!), also, da hat man möglicherweise etwas schon wieder ganz vergessen oder es gleich überlesen: den Schluß nämlich, den wirklich bemerkenswerten letzten Absatz von Enzensbergers Aufsatz. Und der ging so:

"Es wäre an der Zeit, daß unsere winzigen Staatsmänner Maß nähmen an den Facharbeitern der Demontage [wie Gorbatschow], Die Aufgaben, die zu lösen sind, verlangen Fähigkeiten, die am ehesten an solchen Vorbildern zu studieren sind. So kann eine Energie- und Verkehrspolitik, die diesen Namen verdient, nur mit einem strategischen Rückzug eingeleitet werden. Sie erfordert die Zerlegung von Schlüsselindustrien, die auf lange Sicht nicht weniger bedrohlich sind als eine Einheitspartei. Die Zivilcourage, die dazu nötig wäre, steht der kaum nach, die ein kommunistischer Funktionär aufzubringen hat, wenn es darum geht, das Monopol seiner Partei abzuschaffen. Statt dessen übt sich unsere politische Klasse in albernen Siegerposen und selbstzufriedenen Lügen. Sie triumphiert, indem sie mauert, und glaubt der Zukunft durch Aussitzen Herr zu werden. Vom moralischen Imperativ des Verzichts ahnt sie nichts. Die Kunst des Rückzugs ist ihr fremd. Sie hat noch viel zu lernen "

Das hat er tatsächlich geschrieben damals, der Enzensberger. Ein eiskalter Aufruf zum Sturz des Systems, radikalökologisch - oder wie soll man das nennen: "Zerlegung von Schlüsselindustrien"? Aber wie komm ich drauf? Wie komm ich dazu, das jetzt rauszukramen aus dem Zeitungskeller, jetzt, so kurz nach dieser wirklich bedeutenden Bundespräsidentenwahl, nach dieser deutschen Schicksalsstunde, jauchzet dem HErrn?

Rau oder Herzog. Kohl oder Scharping. Vielleicht wäre Rau doch besser gewesen. So wie auch Scharping immer noch besser wäre als Kohl. Und Kohl immer noch besser als Kanther. Und Kanther vielleicht immer noch besser als Dregger (gibts den noch?), von Gestalten wie Schäuble ganz zu schweigen, oder Ruhe, dessen Kampagne gegen das Asylrecht so ziemlich das Infamste war, was die Republik seit Barschel erlebt hat. So grummelt man dahin, jahraus, jahrein, so wägen wir und wählen. Und sehen sie da stehen an ihren Rednerpulten - eine nicht enden wollende Mikrophonpröbe , sehen sie da sitzen, erstarrt in den Regierungsbänken, und knarrend in ihre Wagen steigen, in ihre Wolga, äh, Mercedeslimousinen: unsere Breschnjews.

O nein, nicht daß ich Europens "winzige Staatsmänner" mit diesem glücklich verblichenen Nachfolger Stalins im Reich des Bösen gleichsetzte, wie auch! Aber es will und will mir nicht mehr aus dem Sinn angesichts der Scharpings und Kohls und Majors und des verwitternden Mitterrand (alle fest im Griff ihrer jeweiligen Lobby) - dieses Bild der vollkommenen Stagnation, wie es einst Leonid Breschnjew, Kossygin zur Rechten, Gromyko zur Linken, so vollendet verkörpert hat. Keine Idee, nirgends.

Keinen Mut, den Rückzug endlich anzutreten. Keinen Mut, den großen Verzicht zu organisieren, auf den jetzt alles ankommt, so 5 nach 12. Nichts, nicht das geringste (ökosoziale) Reförmchen wird angepackt, kein Millimeter von dem Weg abgewichen, von der sechsspurigen Autobahn ins große Desaster. Nichts, nur "selbstzufriedene Lügen". Ja, das war ein schöner Artikel damals von dem Enzensberger. Damals, 89, als Gorbatschow sein Werk fast schon beendet hatte, als Vaclav Havel vom Mut sprach, vom Mut und der Notwendigkeit, "in der Wahrheit zu leben".

Wie haben sie da geklatscht, unsere Breschnjews. Benedikt Erenz