Nein, die erste Rede des neuen Bundespräsidenten war nicht umwerfend. Aber sie war auch (noch) nicht katastrophisch.

Herzog ist unerfahrener als vermutet, gleichzeitig ist er intelligent genug, das zu merken. Wir haben uns unsere Präsidenten noch immer zurechtgebogen, das ist ja das Schöne an diesem Amt ohne viel Macht. Die natürliche Entwicklung der Dinge treibt die Amtsinhaber weg von den Parteien, hinaus ins Freie, und manchmal, im Glücksfall, auch zu den richtigen Worten über die wirklich brennenden Fragen. Eine Rede, die das Thema Gewalt gegen Fremde in Deutschland nicht berührt, ist nicht auf der Höhe der Zeit. Das ist wahr und wird sich ändern.

Nicht auf der Höhe der Zeit war vieles in dieser Kampagne. Mit Abstand gesehen, war es strategisch schlicht dumm, aus der Kandidatensuche wieder das alte einfallslose Machtspiel zu machen. Konnte denn wirklich erwartet werden, daß sechs Monate vor dem großen Show-Down eine Mehrheit für einen Kandidaten der Opposition zu finden gewesen wäre, ohne Konsens und ohne daß es die FDP zerrissen hätte? Alles, was nicht auf Konsens ausging, war Spiel mit hohem Risiko.

Ein Konsens hätte annäherungsweise folgende Elemente berücksichtigen müssen: Bisher ist keines der leitenden Staatsämter mit einer Person aus den neuen Ländern besetzt, das zu ändern stand auch Helmut Kohl im Wort. Eine Geste in Richtung der Bürgerrechtler, denen dies Land viel verdankt, war überfällig. Noch nie war eine Frau Bundespräsidentin. Die Sozialdemokratie hat in 45 Jahren BRD nur fünf Jahre den Präsidenten gestellt und wäre auch mal dran. Reform und friedlicher Wechsel sind das Lebenselixier der Demokratie. Wenn nur alte Signale von Bonn/Berlin ausgehen, muß niemand sich wundern, wenn es auch sehr alt zurücktönt. Um so ferner von der Parteispitze, desto leichter fällt die Akzeptanz für die anderen Parteien – und umgekehrt.

Ein Signal ist nicht ausgegangen von der Berliner Bundesversammlung, dieser wirkliche Spitzenplatz bleibt leer. Eine Konsenslösung, die etwas Neues signalisiert hätte, ist weder von der Politik noch von den Medien ernsthaft gesucht worden. Letztere haben ihre Chance nicht begriffen, sie waren gegenüber ihren Lieblingen oft peinlich bis devot. Das ist das wichtigste Argument für die direkte Wahl. Das Volk vergreift sich zwar auch gelegentlich, in der Tonlage und beim Wählen, aber in Konsensbildungen ist es einfach erfahrener und erfindungsreicher.

Theologin, Politikerin des Bündnis90/DIE GRÜNEN