Von Claudia Thomsen

Dimitris Sarris hat seine eigene Zeitrechnung. "Statt wie früher vor oder nach Christus sagen wir heute vor oder nach Jugoslawien", sagt der griechische Architekt. Er steht auf den Resten der Stadtmauer von Stagira auf der kleinen Halbinsel Liotopi, zwei Kilometer entfernt vom Dorf Olympias. Lässig setzt der Mittdreißiger den Fuß auf ein Fragment der Antike und stützt die vom hochgekrempelten Hemd befreiten Unterarme auf die Oberschenkel.

Die entspannte Pose verwirrt angesichts seiner ernsten, respektheischend klingenden Stimme: "Unter diesem Berg liegt die Geburtsstadt von Aristoteles. Einige der bereits ausgegrabenen Teile sind hundert Jahre älter als die Akropolis in Athen." Vergeblich hält der Besucher nach bildungshungrigen Westeuropäern Ausschau. Die von der Anhöhe aus gut zu erkennende Goldene Bucht und die Dschungelbucht, nur zwei von über zwanzig sandigen Badenischen an der steilen, pinienbewaldeten Küste zwischen Olympias und dem nächsten Dorf, Zepko, sind menschenleer. Kein Badender stört die Ruhe der Muschelzuchtstationen, die an weißen Markierungen im grünschimmernden Meer zu erkennen sind.

Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien manifestiert sich in Nordgriechenland durch ungewöhnliche Ruhe. Eine Ruhe, die Anwohner der unbekannteren Regionen Chalkidikis ihre Existenz kosten kann. Denn die touristisch weniger erschlossenen und landschaftlich reizvollsten Gebiete können nur von motorisierten Touristen bereist und materiell bereichert werden.

Dimitris Sarris berichtet in seinem Restaurant am Strand von Olympias von der Schönheit der Halbinsel Chalkidiki. Von den drei in die Ägäis ragenden Fingern Kassandra, Sithonia und Agion Oros, letztere mit der für Touristen ohne Sondergenehmigung unzugänglichen Klosterrepublik Athos. "Die Chalkidiki sieht aus wie der Dreizack des Meeresgottes Poseidon und hat eine Küste, die so lang ist wie die Entfernung zwischen Frankfurt und Hamburg", sagt Dimitris Sarris. "Germany" hat die Familie Sarris ihr Lokal genannt.

Auf Chalkidiki leben 80 000 Menschen. Große Hotelanlagen mit exklusiven Stränden für Pauschalreisende finden sich vorwiegend auf Kassandra. Im Norden der nach dem König Kassandros benannten Landzunge liegt auch das "Argotikes Filakes", das Landwirtschaftsgefängnis für Kriegsdienstverweigerer. Dreieinhalb Jahre dauert hier die Zwangsarbeit mit Schafen, Hühnern und auf dem Feld für Männer, die den zwanzig Monate dauernden Militärdienst nicht antreten.

Für die auf Komfort abonnierten Touristen in der nahe gelegenen Ferienanlage "Sani Beach" bleiben derlei Realitäten außen vor. Denn bei der Konzeption der großen Urlaubsareale wurde Wert darauf gelegt, daß die Touristen, vor allem Deutsche und Engländer, nichts vom heimischen Standard entbehren müssen. Diese Etablissements orientieren sich an internationalen Normen, ähnlich den Benetton- oder Fast-food-Filialen.