Kinder sind ein Luxus, sagst du, und ich soll froh sein, daß ich acht davon "mein eigen" nennen kann. Zum Eigentum an Kindern kommen wir noch, nur soviel zum "Luxus": Man muß ihn sich leisten können, sonst ist man ein Prahlhans.

Wer heute mehrere Kinder ordentlich aufzieht, ist ein Heroe, sagst du. Aber wer will schon sein Leben lang den Helden spielen? Und: Muß man ein Held sein, um sich einen Luxus zu leisten? Es seien aber doch meine eigenen, sagst du, und ich hätte deshalb meine Freude an ihnen. Dieser Satz ist der verkehrteste deiner Sätze, und ihm ist am schwersten zu widersprechen. Ich versuche es mal: Kinder, könnte man sagen, gehören niemandem und allen und zuallererst sich selbst. Sie sind nur dann meine Kinder, wenn sie aller Kinder sind. Das ist ein weites Feld.

Wir hatten ja beide einen sehr guteiStudienabschluß vor zwanzig Jahren. Du bist inzwischen Professor, ich bin arbeitslos. Ich könnte mir schon vorstellen, mehr Zeit für den Beruf zu haben und mehr Geld für die Familie.

Wir sind beide weder dumm noch faul: Du bist ein gemachter Mann, und ich streite mich mit der Arbeiterwohlfährt um einen Urlaubszuschüß. Auf dem Klavier, dem einzigen Wertstück in unserem Haushalt, klebt der Kuckuck. Jetzt steh ich sogar beim Sozialamt Schlange. Man deklassiert sich selbst, wenn man acht Kinder in die Welt setzt. Wir wollten viele Kinder haben, wir haben uns das zugetraut. Aber wir haben uns übernommen. Es wächst uns über den Kopf. Wir haben immer öfter das Gefühl, von der Substanz zu leben, es kommt wenig Ermutigung von außen. Wir sind müde geworden, moralisch müde, wenn du weiß, was das meint. Wir haben uns abgestrampelt - mit dem Erfolg, daß wir jetzt auf der untersten sozialen Stufe angekommen sind. Aber diese soziale Deklassierung würde uns nicht stören, wenn sie nicht ein Zeichen der Nichtachtung wäre. Der Nichtachtung durch die anderen, die eigentlich eine Nichtachtung ihrer selbst ist.

Als Eltern von acht Kindern fallen wir aus der Leistungsgesellschaft, denn wir leisten nichts, was sich kurzfristig verwerten ließe. Kinder produzieren nicht und konsumieren wenig. Was wir tun, gilt nach den Gesetzen des Marktes als wertlos. Freilich gibt es andere Kriterien, wir können es selbst für wertvoll halten. Und genau in dieser Hinsicht geht uns die Luft aus: Unser Idealismus ist so ziemlich verbraucht, weil wir uns damit allein gelassen finden.

Die, mit denen ich das Land bewohne, haben sich gewöhnt, Menschen für den Aussatz der Welt zu halten. Sie hören deshalb nicht auf, sich als Weltzerstörer zu verhalten, und wahrscheinlich ist diese prinzipielle Selbstverachtung die Bedingung dafür, im gewohnten Lebensstil fortfahren zu können. Allerdings sind es immer die anderen, die die Welt zerstören, die Neuzugänge zumal. Denen traut man nicht mehr zu als die eigene Verbrauchermentalität. Es ist das pervertierte schlechte Gewissen, unter dem meine Landsleute leiden. Sie mögen sich nicht - wie sollen sie ihre Kinder lieben? Aber ich gehöre ja zu ihnen, also: Wir mögen uns nicht, wir ermüden daran, unsere Kinder zu lieben.

In jedem Kinderdorf ist ein Hauselternpaai mit acht Pflegekindern ausgelastet. Dafür stehen aber noch eine Helferin und ein Praktikant zur Verfügung. Wenigstens tagsüber. Die tun wirklich so, als war das eine Leistung, von der man sich erholen muß: Da gibt es Urlaubs- und Wochenendvertretungen. Und einen kinderdorfeigenen Kleinbus. Niemand würde eine Pflegemutter mit acht Kindern allein wirtschaften lassen. Das gilt da als unzumutbar und als unpädagogisch obendrein. Meine Fr au macht das aber schon ein paar Jahre lang allein, ich helf ihr, so gut es geht, weil ich nebenbei auch noch die Brötchen verdienen muß. Diese Kinderdorf Hausmütter verdienen nicht besonders im Vergleich zu dem, was sie leisten. Aber sie verdienen natürlich phantastisch im Vergleich zu meiner Frau. Die kriegt nichts. Hätten meine Kinder untaugliche Eltern, würde das Jugendamt monatlich an die 3000 Mark für den Unterhalt, die Betreuung und Unterbringung in familienähnlichen Verhältnissen für jedes von ihnen zahlen. Der Gedanke, meine Kinder zu verlieren, ist mir ein Horror. Und weil er mir ein Horror ist, das heißt, solange wir uns als taugliche Eltern erweisen, sparen wir dem Staat knapp 300 000 jährlich. So gesehen, können wir durchaus das Gefühl haben, etwas Wertvolles zu leisten, wenn wir unsere vielen Kinder in der Familie großziehen. Wenn wir aber ins Portemonnaie sehen, müssen wir uns für Faulenzer halten. Gezahlt wird erst, wenn die Familie gescheitert ist. Aber ich meine ja nicht nur das fehlende Geld.