Die Nazis terrorisieren viele kleine und manche Mittelstädte, und zwar tun sie das mit der Miene von Leuten, die ungeheuer viel riskieren; sie machen immer ein Gesicht, als seien sie und ihre Umzüge wer weiß wie illegal. Sie sind aber durchaus legal, geduldet, offiziös. Und hier beginnt die Schuld der Republik: eine Blutschuld.

Polizei und Richter dulden diese Burschen, und sie dulden sie in der durchaus richtigen Anschauung: "Mitunter ist es ja etwas reichlich, was hier getrieben wird. Keinen Totschlag! Nicht immer gleich schießen ... Aber, trotz allem: Diese da sind Blut von unserm Blut, sie sind nicht gegen, sondern für die Autorität – sie sind, im allertiefsten Grunde, für uns, und sie sind nur deshalb nicht ganz und gar für uns, weil wir ihnen nicht stramm genug sind und zu sehr republikanisch. Wir möchten ja auch gerne ... aber wir dürfen nicht... Diese lächerlichen republikanischen Minister ... die Geheimräte da oben am grünen Tisch ... wir möchten ja ganz gerne. Und tun unser Möglichstes. Zurücktreten! Nicht stehen bleiben! Na ja ... aber es sind unsre, unsre, unsre Leute." Es sind ihre Leute.

Kurt Tucholsky, "Die deutsche Pest", 1930

Kunst für die Kunst

Vom Portikus, der Säulenvorhalle, war nur noch der Portikus geblieben, aber der Rest, vielmehr der Anlaß des Portikus war weg: die Frankfurter Stadtbibliothek im Krieg zerstört. Eine Galionsfigur ohne Schiff, eine Ouvertüre ohne Oper: So standen die Säulen am Mainufer, bis der Ausstellungsmacher Kasper König, als Direktor der Städel-Kunstschule nach Frankfurt gekommen, 1987 ein paar Container hinter die Fassade setzen ließ und dort Ausstellungen machte. Er zeigte Wichtiges und Banales, Eigenständiges und Modisches: wie’s die zeitgenössische Kunst so mit sich bringt. Und kämpft nun, da auch der Portikus der Frankfurter Sparpolitik zum Opfer fallen soll, mit Aplomb um die Existenz des Kunst-Kuriosums: 76 Künstler, die bisher hier zu sehen waren, haben Arbeiten für eine Auktion gestiftet, die am 9. Juni von Sotheby’s im "Frankfurter Hof" durchgeführt wird. Nicht um eine Benefizveranstaltung geht es hier, sondern ums Überleben. Denn die Kunst kann nicht auf den Karenztag warten, sondern nur für die Erhaltung des Buß- und Bettags für Politiker plädieren.

Die Kunst des Konstruierens

In einem Aufsatz über den Brückenbau gab der Ingenieur Czech die Erfahrung preis, daß jemand von seiner Profession, "der seinen Kollegen und Vorgesetzten gegenüber künstlerische oder philosophische Interessen merken läßt, auf dem besten Wege ist, sich zu kompromittieren und den Kredit des Fachmanns zu verlieren". Es scheint, als hätten sich die Bauingenieure seit 1911 daran gehalten, hätten sich auf Mathematik und Bauphysik beschränkt und die Baukunst den Architekten überlassen. Aber, schrieb soeben Jörg Schlaich, einer der viel zu wenigen auf Gestaltung bedachten Ingenieure, "solange die Architekten die Ingenieure als Sklaven behandeln und die sich nicht nur ‚Statiker‘ nennen lassen, sondern sich auch so benehmen, geschieht nichts". Da aber gute Architektur nur gedeihen kann, "wenn beide zusammenpassen, sich ergänzen" und nicht neben-, sondern miteinander entwerfen, gibt es seit ein paar Jahren heftige Bemühungen, das Ansehen der Konstruktionskünstler zu verbessern, der Allgemeinheit oft überhaupt erst klarzumachen, wie groß ihr Beitrag zur besseren Architektur ist. Erst war es der Berliner Verlag Ernst & Sohn, der einen Preis für Bauingenieure gestiftet hat. Jetzt veröffentlichte die deutsche bauzeitung die Gewinner des Balthasar-Neumann-Preises, benannt nach dem berühmten "Ingenieurarchitekten", der noch beide Talente in sich vereinigt hatte. Ihn bekamen Thomas Herzog und die Ingenieure Sailer + Stepan für eine Produktionshalle in Eimbeckhausen, die Architekten Ackermann und Raff mit ihrem Ingenieur Hans-Ulrich Ströbel für eine Mehrzweckhalle in Rottenburg, die Hamburger von Gerkan, Marg und Partner mit den Ingenieuren Weber, Poll + Kockjoy, Ridder + Meyn und Andres für die Hamburger Flughafenhalle. Auf daß das Konstruieren wieder eine Kunst sei!