Von Sabine Etzold

Wieder einmal hatten sich die deutschen Hochschulrektoren, diesmal bei ihrer Jahresversammlung Anfang Mai in Halle, hoffnungslos in die Debatte über die Hochschulmisere verstrickt. Doch schon nahte die Rettung. In Gestalt von Reinhard Mohn kam sie im Hubschrauber vom Himmel. Die Heilsbotschaft, die der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung überbrachte, lautete auch diesmal: „Ändert eure Führungsstrukturen, und alles wird gut.“

Der Auftritt weckte bei manchem Konferenzgast ungute Erinnerungen an den spektakulären Hubschraubereinflug des einstigen Bildungsministers Möllemann mitten in die Runde der verstörten und empörten Kultusminister in Bremen. Zwar war Mohn, anders als damals Möllemann, geladener Gast. Aber gegen Einmischung von oben sind deutsche Bildungsrepräsentanten allemal empfindlich, besonders dann, wenn ihnen ihre eigene Abhängigkeit, ihre Staatsknechtschaft, in knappen, scharfen Sätzen um die Ohren gehauen wird. „Die überkommene staatliche Führungspraxis zielte auf Planerfüllung und Ordnungsmäßigkeit“: Das saß. „Die erforderliche Reform im Bildungswesen wird ihre richtungweisenden Anstöße nicht von der Politik erfahren.“ Und noch ein Schlag: „Wir müssen delegieren, das ist die führungstechnische Ableitung für die Autonomie der Hochschule.“ Schließlich immer wieder Reinhard Mohns Glaubensbekenntnis: „In allen Lebensbereichen sind Zielbestimmung und Führung entscheidend für den Erfolg.“

Murren und Füßescharren im Auditorium. „Was versteht der schon von unseren Problemen.“ Und: „Großer Auftritt, paar Millionen und wieder abrauschen – das läuft doch nicht.“ Die Ängste der Rektoren vor weiterer Gängelung, zur Abwechslung mal nicht durch die Politik, sondern durch das Kapital, sitzen tief. Den Stifter selbst rühren solche Bedenken nicht: „Wenn das Thema von unseren Hochschullehrern gelegentlich nicht verstanden wird, liegt das daran, daß nur ganz wenige wissen, wie die Universitäten im Ausland aussehen. Die gucken ja nie über den Zaun.“

Als vor einigen Wochen das CHE, das Centrum für Hochschulentwicklung, eine Art Unternehmensberatungsinstitut nur für die Hochschulen, als jüngstes Kind der Bertelsmann Stiftung von Reinhard Mohn und dem Vorsitzenden der Rektorenkonferenz, Uwe Erichsen, aus der Taufe gehoben wurde, wußten angeblich einige Rektoren nichts von der Kooperation. Inzwischen laufen sie herum wie kleine Jungen, denen man ein unerwünschtes Fahrrad geschenkt hat. „Na, schaden kann’s jedenfalls nichts“, spöttelt Dieter Simon, der ehemalige Präsident des Wissenschaftsrats, über das CHE.

„Hochschulreform: Gütersloh baut mit“ überschrieb die DUZ, die Deutsche Universitätszeitung, ein Ereignis, das vor gut zwanzig Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Man stelle sich bloß vor: Ein Unternehmer „kauft“ sich ein in unsere freien Universitäten! Ein Studentensturm auf den Gütersloher Stiftungssitz wäre in früheren Zeiten die Antwort gewesen, gegen den sich der Apo-Angriff auf das Springer-Hochhaus in Berlin wie eine Kirchentagsfeier ausgenommen hätte.

Die Zeiten aber haben sich gründlich geändert. Die Studenten haben Mohns Hochschulaktivitäten bislang überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Weder Springer noch Möllemann können als historische Parallele für das Ereignis herhalten. Die Parallele verläuft vielmehr nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Festsaal der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entfernt – in den Franckeschen Stiftungen, deren geistiger Vater, der Pietist August Hermann Francke, schon im 18. Jahrhundert das „Waisenhaus zu Glaucha an Halle“ zu einem Weltunternehmen ausbaute.