Weshalb ich bei Jan Garbarek an norwegische Fjorde denke, ist nicht ganz klar. Erstens war ich nie in Norwegen, und zweitens ist Garbarek (Betonung auf der vorletzten Silbe) polnischer Abkunft, allerdings in Norwegen geboren (1947). Vielleicht liegt es an einer frühen Platte von ihm, „Dis“, aufgenommen 1976 in Oslo (ECM). Da ist eine Windharfe zu hören, ein von Sverre Larssen gebautes und an der norwegischen Südküste aufgestelltes Instrument, dessen Saiten, durch den harschen Nordseewind zum Schwingen gebracht, einen Klang erzeugen, der Urlauten (animalischen) gleicht und einen unendlichen Atem hat.

Die Utopie des unendlichen Atems und des natürlichen Wohlklangs treibt Garbareks Musik an. Sie gilt als Jazz und ist es auch, obwohl sie Jazz-Fans gelegentlich ratlos läßt oder unwirsch stimmt, da ihr jegliche Nervosität fehlt und der hektische Herzrhythmus der Metropolen, der im Jazz sich auslebt.

Wenn Garbarek sein Saxophon (Sopran oder Alt) an die Lippen setzt, dann geht sein Blick nach innen, und eine narzißtische Entrücktheit erfüllt sein Gesicht, als wisse er, daß sich nun die schönsten saxophonischen Hymnen an die Nacht ereignen werden, Elegien der Einsamkeit, Choräle der Inbrunst Garbareks Musik schwillt nicht, sie ist heiter im Sinn des Worts, das vom griechischen „Aither“ kommt und klarer Himmel, reine Luft bedeutet.

Daß er immer dasselbe spiele, ist ein Argument für seine Gegner wie für seine Freunde. In der Tat liebt er die Variation seiner gewaltigen Gesänge, aber er wiederholt sich nicht häufiger als andere. Nur ist er immer deutlich als Garbarek hörbar. Die Melodien lauschen sich selber und gewinnen etwas Unverrückbares. Daß sie auch anders verlaufen könnten, kommt einem unwahrscheinlich vor,

Garbareks neue Deutschlandtournee begann in Hamburg, wo er. dank seines Propheten Michael Naura, eine begeisterungswillige Hörerschaft hat An seiner Seite der Melancholiker Eberhard Weber (Baß), der Stoiker Rainer Brüninghaus (Piano) und die anmutige Hexe Marilyn Mazur, die, umgeben von einem Schlagzeugwald, die seltsamsten und seltensten Beschwörungen zaubert. Jeder von ihnen hat die Weisheit und den Eigensinn eines Kindes, das sich im Garten seiner Phantasien ergeht, um dann wieder in den Kreis der Gefährten zurückzukehren. So verweilte der Augenblick. Ulrich Greiner