Von Raimund Hoghe

Wenn man ein Thema auch nur antippe, dann erzähle sie, sagt Anja Lundholm gleich nach der Begrüßung. „Ich bin voller Geschichten.“ Daß manches in ihrer Lebensgeschichte nach Kolportage klingt, weiß sie. „Das klingt ja wirklich wie eine Räuberpistole“, stellt sie einmal fest. Ein andermal scheint ihr ihr Leben „fast schon ein Hintertreppenroman. Aber das ist nun einmal mein Leben gewesen. Ich kann’s nicht ändern.“

Anja Lundholm hat mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben, in denen sie Spuren ihres Lebens und deutscher Geschichte nachgegangen ist. Das wohl wichtigste erschien 1988: „Das Höllentor“, Anja Lundholms Bericht über das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, das sie als eine von wenigen überlebte. Bei der Auflösung des Lagers im April 1945, bereits auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung, hatte sie bei einem Bombenangriff fliehen und sich auf einer Landstraße in den Strom anderer Flüchtlinge einreihen können. Der Weg zurück ins Leben sei lang gewesen. „Ich konnte mich nicht hineinleben in die hiesige Welt. Ich war immer noch Häftling – und bin auch heute noch nicht heraus.“

Sie wolle verstehen, sagt Anja Lundholm, verstehen, was Menschen bewege. „Ich war immer wahnsinnig interessiert an Psychologie. Mit neun wollte ich Psychiaterin werden. Ich hatte immer einen ungeheuren Drang, Menschen zu durchleuchten. Was ist der Mensch? Was steckt an Potential im Menschen? Was hat sie so gemacht?“ Was bringt zum Beispiel einen SS-Mann in Ravensbrück dazu, scheinbar liebevoll mit einem Dreijährigen zu spielen und ihn Sekunden später mit dem Kopf gegen eine Mauer zu schleudern? Und was geht in einer jungen KZ-Aufseherin vor, die ein am Boden liegendes jüdisches Mädchen zu Tode prügelt? „Warum tun Sie das?“ fragte Anja Lundholm die etwa achtzehnjährige Aufseherin. Mit hellblauen Augen habe die sie angesehen, und in ihrem Blick sei kein Haß, keine Wut, keine Verachtung gewesen – nur ein Anflug von Erstaunen. „Das ist doch kein Kind“, habe sie schließlich gemeint, und ob sie denn nie den Stürmer gelesen habe? Da stehe doch auch, daß das nur Satansbrut sei.

„Es waren Menschen, gute und schlechte, beeinflußbare, weniger beeinflußbare. Wir haben die menschliche Natur in all ihren Varianten gesehen – und das nimmt die letzten Illusionen“, erklärt Anja Lundholm in ihrer Wohnung im Frankfurter Ostend, die wie eine Höhle wirkt. „Wir wissen einfach: Der Mensch ist zu allem fähig. Und er ist beeinflußbar, lenkbar.“ Das mache natürlich Angst. Auch für die Zukunft. „Eine immense Angst.“

Anja Lundholms Geschichte ist auch eine Geschichte des Widerstands. Gestern und heute. Als „Spätfolge aller Krankheiten, die wir im Lager hatten“, leidet sie an multipler Sklerose. Bei schonender Lebensweise hätten ihr die diagnostizierenden Ärzte noch ein Jahr gegeben – „das war vor neun Jahren“. Damals habe man sie auch in den Rollstuhl setzen wollen. Aber das habe sie nicht akzeptieren wollen, habe sich herausfallen lassen und sei auf allen vieren durch ihre Wohnung gekrochen. „Und, schauen Sie: Ich kann wieder laufen.“ Daß es ihr schwerfällt und sie ständig unter Schmerzen leidet, ist eine andere Geschichte, über die sie erst später und beiläufig spricht. Anzusehen sind ihr die Verletzungen und Verwundungen jedenfalls nicht. Auch Freunden zeigt sie sich nur perfekt zurechtgemacht, mit wohlfrisiertem Haar, leichtem Make-up und geschminkten Lippen. Die Schönheit, sagt sie, sei das einzige, was ihr geblieben sei. „Und dafür, daß ich im 76. Jahr bin, sehe ich doch noch ganz gut aus.“

Dieser Kampf um Schönheit, um Eleganz und Würde, ist auch in ihren Büchern zu finden. Lebensstoff und Schreibstoff sind bei ihr schließlich untrennbar verwoben, wie die Schriftstellerin Eva Demski im Nachwort zum „Höllentor“ feststellte. Dabei sei Anja Lundholm jemand, der die ihm geschehene Geschichte nicht als Autobiographie nehme, „sondern als Exemplum für seine Zeit“. Wie die Farben eines Malkastens benutze und mische sie das Erlebte, „ohne Anklage und ohne moralische Zuweisungen und Verurteilungen, sondern wie die Abfolge historisch und menschlich folgerichtiger Monstrositäten“.

Ein Kinderphoto aus den zwanziger Jahren zeigt Anja Lundholm auf einem Koffer sitzend, vor einem Zug, auf dem Kopf einen Hut des Vaters. Für sie ist die spätere Deportation auf diesem Bild schon vorweggenommen – wie auch das Leben im Lager nicht ihre erste Höllenerfahrung gewesen sei. „Angefangen hat es schon in der Kindheit.“ Das Zuhause der 1918 in Düsseldorf geborenen und in Krefeld aufgewachsenen Apothekerstochter befand sich in großbürgerlichem Rahmen. Es herrschten „Geordnete Verhältnisse“, wie es im Titel eines ihrer Romane heißt. Die Ordnung bestimmte der Vater und auch die Regeln. Nach genau festgelegtem Ritual verlief unter anderem das Mittagessen. Mutter und Tochter hatten hinter den Stühlen zu stehen, wenn der Herr des Hauses um Punkt 13 Uhr erschien. „Nachdem er sich gesetzt hatte, durften auch wir uns setzen“, erinnert sie sich. Ein „teutsches Mädchen“ habe sie werden sollen. „Ich bin richtig ‚arisch‘ erzogen worden. Aber das ging schief.“ Der Vater reagierte mit Prügeln. „Ich bekam mächtig viel Prügel.“ Andere Berührungen waren verpönt. „Das Kind durfte nie berührt werden. ‚Feine Leute berühren sich nicht‘, hieß es.“

Die Mutter sei anders gewesen. „Meine Eltern waren sehr entgegengesetzte Menschen. Größere Gegensätze konnte es nicht geben.“ Als Siebzehnjährige hatte ihre aus einer äußerst wohlhabenden jüdischen Familie in Frankfurt kommende Mutter den Bauernsohn geheiratet. Er sollte etwas Besseres werden und bekam vom Schwiegervater noch während des Studiums eine Apotheke in Krefeld geschenkt. Für ihre Mutter sei er „ein nordischer Gott“ gewesen – groß, blond, stattlich. „Er war sehr männlich, und das Männliche bewunderte sie über alles. Sie war ihm sehr ergeben. Was er tat, war gut. Sie liebte ihn halt und bewunderte ihn unendlich.“

Anja Lundholm holt ein Photo ihrer Mutter: das Bild einer zarten und zerbrechlich wirkenden Frau, die zerbrach und sich 1938 das Leben nahm. Natürlich sei sie zu der Zeit sehr depressiv gewesen. Sie, die evangelisch erzogen worden sei und von jüdischer Religion nicht die leiseste Ahnung gehabt habe, sei erst durch Hitler zur Jüdin geworden. Wenn der Ehemann Empfänge gab, saß die jüdische Ehefrau jetzt eingeschlossen im Musiksalon. Als die Tochter sie nach einem ersten Selbstmordversuch fragte, warum sie das getan habe, antwortete sie: „Dein Vater hat so gelitten, weil er die Fahne nicht raushängen konnte. Er hat doch eine Jüdin im Haus, dein armer Vater – diese Schande.“ Um seinetwillen sei sie gestorben, meint Anja Lundholm und ist sicher, daß sie das Gift vom Vater erhalten habe. „Meine Mutter betrat in diesen Jahren die Apotheke ja nie – das durfte sie auch gar nicht.“ Auch die Schwester der Mutter habe sich mit seiner Hilfe das Leben genommen. Als sie ihn für die Flucht aus Deutschland um 300 Mark gebeten habe, habe er abgelehnt und ihr zwei Kapseln Zyankali geschickt. „Für den Fall, daß sie einmal gar nicht weiterwisse.“ Als sie wenig später von der Gestapo abgeholt werden sollte, nahm sie die Kapseln.

„Ein ehrenwerter Bürger“ ist der Titel eines gerade wieder veröffentlichten Romans von Anja Lundholm, der in den siebziger Jahren unter dem Titel „Der Grüne“ herauskam. Erzählt wird die Geschichte eines opportunistischen Aufsteigers, ihres Vaters. Lange Zeit, bis kurz vor seinem Tod, habe sie ihn nicht sehen wollen, wie er war. Als er 1961 starb, fand sie in einer Kassette zwei Dokumente: Eines habe ihn als schwer geschädigtes „Opfer des Nationalsozialismus“ ausgewiesen, das andere war sein Mitgliedsausweis der SS, der er seit 1934 als zahlendes Mitglied angehört hatte. Der Familie habe er davon nichts gesagt. Was er immer sehr deutlich zeigte: seinen Haß. „Sein Haß war fürchterlich.“ Noch auf dem Sterbebett habe er ihr das Pflichtteil entzogen. „Was ist das für ein Mensch gewesen? Ich weiß es nicht“, bekennt sie und sagt: „Ich habe wirklich unheimlich kämpfen müssen, um nicht in Haß zu verfallen und in Entsetzen. Er ist der große Schatten in meinem Leben.“

In der ihm eigenen Art hatte er ihr auch den Tod der Mutter mitgeteilt. „Deine Mutter soeben verschieden. Komme nicht. Ich arrangiere alles. Vater.“ Am 7. Dezember 1938 habe sie dieses Telegramm in Berlin erhalten. Zwei Jahre zuvor war die höhere Tochter in die Hauptstadt geschickt worden, um an der Staatlichen Hochschule für Musik Klavier und Schauspiel zu studieren. Doch das Studium dauerte nicht sehr lange. „Der Film kam auf mich zu, und die Ufa holte mich. Ich fing natürlich als Statistin an, mit kleinen Rollen.“ In Berlin habe sie auch an den ersten kleinen Zusammenkünften oppositioneller Studenten teilgenommen. Man habe kleine Zettel verteilt, in der Öffentlichkeit Hitler-Witze erzählt – „das galt schon als Widerstand“. Nach dem Tod der Mutter will sie, die als Halbarier und Mischling ersten Grades gilt, nur noch raus. „Als meine Mutter tot war, da brach etwas in mir auf. Raus hier aus Deutschland – irgendwohin, wo ich agieren kann.“

Doch erst 1941 gelang ihr die Flucht aus Hitler-Deutschland – wie in einem Film und mit einem Film. In Helmut Käutners „Auf Wiedersehn, Franziska“ hatte sie eine kleine Rolle gespielt, und als der Streifen zu den Filmfestspielen von Venedig eingeladen wurde, beantragte sie mit Käutners Hilfe einen Paß für die Reise dorthin. Der Plan gelingt. Anja Lundholm fährt nach Venedig und von da aus „gleich weiter nach Rom. Es ließ sich zu der Zeit wunderbar untertauchen in Rom – die Deutschen galten ja noch als Freunde.“

Als einen der ersten habe sie in Rom einen Österreicher kennengelernt, „der in der Widerstandsgruppe Pierre Lambert war“. Bald ist auch sie Mitglied der Gruppe und hilft, Pässe von Verfolgten auszubessern, Bilder in Ausweisen zu wechseln, „Leute aus den gefährdeten Zonen rauszuschleusen“. In Italien kann sie auch wieder filmen. Sie steht in der Cinccittà vor der Kamera und verdient etwas Geld. Doch ihr Leben im Untergrund wird gefährlicher. 1943, nach dem Sturz Mussolinis, verschärft sich die Situation. „Die Deutschen kamen zurück als Feinde. Kappler wurde Polizeichef von Rom. Wir verloren den Anführer unserer Gruppe.“ Wie er wird auch der holländische Widerstandskämpfer, mit dem sie in Rom zusammenlebt, erschossen. Und Anja Lundholm kämpft nicht nur für sich ums Überleben. „In Rom wurde meine Tochter Diana geboren.“

Sie ruft ihren Vater an und bittet ihn um Geld aus ihrem Erbteil. „Drei Tage später kam die Gestapo und verhaftete mich. Er hat mich angezeigt und dafür gesorgt, daß ich ins KZ kam.“ Daß sie wieder herauskommen könnte, habe er nicht erwartet. Er habe schon ihre Todesanzeige aufgegeben und ihr Erbteil an sich genommen. Und wie in ihren Büchern, in denen sie das Ungeheuerliche oft mit scheinbarer Leichtigkeit erzählt, streut Anja Lundholm auch im Gespräch immer wieder Formulierungen ein, die Distanz schaffen und von einem neutralen Beobachter kommen könnten. „Das ist eine böse Geschichte – schauerlich“, sagt sie. Manchmal auch versucht sie ein Lachen. „Lachen hilft beim Überleben.“

Nach ihrer Verhaftung und Gestapohaft in Rom sei sie mit dem Zug nach Innsbruck gebracht worden. „Wir waren natürlich in den Viehwagen.“ Der Weg der zum Tode Verurteilten durch mehrere Gefängnisse beginnt. „Es hieß immer wieder Endstation.“ 1944 kommt sie als Politische ins Konzentrationslager Ravensbrück. Sieben Monate wird sie in diesem Lager sein. Eine unter Zehntausenden.

Bei ihren Arbeitseinsätzen kommen die Gefangenen auch durch bewohnte Orte. Und während sie auf die Fenster mit den Gardinen sieht, fragt sich Anja Lundholm, ob die Bewohner „der Brandgeruch nicht stört, der vom Lager her den Ort durchzieht und sich durch die Fensterritzen in ihre Wohnungen drängt? Schmorende Knochen riechen anders als brennendes Holz. Fragt sich hier wirklich niemand, welchen Ursprung dieser Rauch hat, der ihre Häuserwände schwärzt?“

Als Anja Lundholm aus dem KZ kommt, ist sie 27 und ein Skelett. „Zwischen den Bögen der Rippen hing, Papierfetzen gleich, die gedörrte Haut. Herausragende Wirbel des Rückgrats hielten lose Verbindung miteinander mittels Muskelsträngen, die sich mit anatomischer Genauigkeit unter dem knittrigen Hautgewebe abzeichneten“, notiert sie in ihrem Roman „Die äußerste Grenze“, in dem sie ihren Weg zurück ins Leben beschreibt. Im Gespräch sagt sie: „Ich war wie Kaspar Hauser. Ich wußte nicht mehr, wer ich war, was ich war.“

Eingereiht in den Flüchtlingstreck Richtung Westen, schläft sie unter freiem Himmel und in Scheunen, durchläuft diverse Sammel- und Auffanglager und wird schließlich auf einen Transporter verfrachtet, der sie in Brüssel absetzt. Orientierungslos steht sie auf der Straße und trifft eine Frau, die ihr als Engel erscheint: eine Wiener Prostituierte, die sie bei sich aufnimmt. Als die sie nach ihrem Namen fragt, kann sie noch immer keine Antwort geben. „Einen Namen hatte ich wohl gehabt, aber der fiel mir nicht ein. Was sehr präsent war: was ich gerade erlebt hatte.“ So kann sie sich noch an eine Anrede aus dem KZ erinnern: „Du da“ habe man gerufen, wenn man etwas von ihr gewollt habe. „Du da“, antwortet sie dann auch der Prostituierten auf die Frage nach ihrem Namen.

In Brüssel schlägt sich die fortan „Duda“ genannte Fremde unter anderem als Barpianistin durch und lernt einen schwedischen Stahlkaufmann kennen, einen Herrn Lundholm. „Er hat es fertiggebracht, mich zum Reden zu bringen – was ich vorher nie getan hatte.“ Als sie von der Fremdenpolizei festgenommen wird, weil sie nur unvollständige Papiere hat und auch nicht abgeschoben werden kann („Ich hatte einen Staatenlosen-Paß, da kannst du nicht mit abgeschoben werden – wohin auch?“), schickt er ihr eine Flugkarte. Sie heiraten, leben in London und Stockholm und trennen sich wieder. „Fünf Jahre dauerte die Ehe, die letzten zwei gingen schon nicht mehr – das war schon zu lang mit ihm.“ Er habe sich auch nicht sehr von ihrem Vater unterschieden. „Zu Anfang hat er mich schon sehr geliebt – nur ich hab’ ihn nicht geliebt. Er wollte was von mir, aber ich wollte nichts von ihm. Und das ging auf die Dauer sehr schief.“ Nach den Jahren von Verfolgung und KZ habe sie auch keine Einengung mehr ertragen. „Ein Häftling braucht nur eins: Er muß frei sein.“

Das Scheitern der Ehe ist für Anja Lundholm verbunden mit dem Verlust ihrer Tochter und ihres später geborenen Sohnes. 1953 war sie mit ihnen nach Frankfurt gezogen, in die Heimatstadt ihrer Mutter. Im spießig-engen Deutschland der fünfziger Jahre fällt es nicht schwer, der allein mit ihren Kindern lebenden attraktiven Frau unmoralischen Lebenswandel vorzuwerfen. Die Tochter kommt zum angesehenen Großvater, der Sohn wird in Schweden von der Geliebten des Vaters adoptiert. Erst Jahre später sieht Anja Lundholm ihre erwachsenen Kinder wieder. Die Distanz zum rauschgiftsüchtig gewordenen Sohn kann sie da nicht mehr überwinden. Zur Tochter habe sie jedoch eine enge Beziehung gehabt. „Nicht mehr wie Mutter und Tochter, das ging nicht, aber wir sind sehr gute Freunde geworden“ – bis die Tochter nach einer Krebsbehandlung stirbt. „Das ist das einzige, wo ich nicht drüber geschrieben habe – so grausig ist diese Geschichte.“

Daß sie einmal Schriftstellerin werden würde, hätte sie nie gedacht, sagt Anja Lundholm. „Ich hatte nie die Idee, etwas schreiben zu wollen.“ Nach ihrer Scheidung hatte sie unter anderem als Empfangsdame in einem Frankfurter Hotel und als Übersetzerin gearbeitet. Erst Ende der sechziger Jahre habe sie eines Nachts begonnen, „wie eine Wahnsinnige zu schreiben“. So entsteht ihr Roman „Morgengrauen“, dem bis heute vierzehn weitere Titel folgten, von denen die meisten vergriffen sind. Und während sie hierzulande allzu schnell in die Schublade „Unterhaltungsschriftstellerin“ gesteckt und unter Wert gehandelt wurde, erhielt sie mit ihren auch ins Englische und Schwedische übersetzten Büchern im Ausland sehr viel mehr Anerkennung. So wurde beispielsweise ihr Roman „Der Grüne“ in Schweden mit einem hohen Literaturpreis ausgezeichnet.

In Deutschland löste Anja Lundholms 75. Geburtstag im vergangenen Jahr einige Ehrungen aus: Sie las in der Frankfurter Paulskirche, ein Dokumentarfilm mit ihr wurde gezeigt, und „In Würdigung des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur“ wurde ihr 1993 auch eine Medaille verliehen. Die liegt jetzt in einer roten Schatulle in ihrer Wohnung. „Geschenkt, geschenkt“, meint sie, und: „Brimborium. Man hat mich zum Bettler gemacht.“ Denn die sogenannte Wiedergutmachung, die sie erhalte, „die reicht natürlich hinten und vorne nicht. Ich habe kein Geld. Ich bin pleitissimo.“ So sei sie auf das Sozialamt angewiesen. Manchmal würden ihr zwar Leser etwas Geld schicken, aber ansonsten müsse sie für jede Anschaffung zum Amt und dort immer wieder betteln. Daß sie das trifft, verbirgt sie nicht. „Das ist fürchterlich.“ Ihre Haltung verliert sie dabei jedoch nicht. „Hör auf mit dem Selbstmitleid“, habe ihr schon nach den Jahren im KZ jemand gesagt – „und es hat unendlich geholfen“. Und auch für Feindbilder hat sie keinen Platz: „Feindbilder kann man immer kreieren. Wir kommen von einem Feindbild ins andere – offensichtlich scheint der Mensch nicht lange ohne sein zu können.“ Dagegen wehrt sie sich. „Ich will einfach versuchen, diese ewige Spirale zu stoppen. Das heißt nicht: Vergeben und vergessen. Man kann versuchen zu verstehen.“

„Wieviel kann ein Mensch aushalten?“ habe einmal jemand in einem Bericht über ihr Leben gefragt. Anja Lundholm sagt: „Es reicht.“ Nichts könne sie mehr gruseln. „Nachts sehe ich mir manchmal Gruselfilme an, um zu sehen, ob mich noch etwas gruseln kann.“ Aber da sei nichts.