Von Wolfgang Köhler

In der Öffentlichkeit scheinen keine Zweifel zu bestehen: Die deutschen Börsen brauchen ein gesetzliches Verbot des Insiderhandels. Spektakuläre Fälle wie die Affären um Franz Steinkühler und eine Gruppe von Börsenhändlern der Deutschen Bank haben die Dringlichkeit nur noch bekräftigt. Überdies verlangt die EG-Insiderrichtlinie von 1989 eine gesetzliche Regelung.

Doch je näher die Verabschiedung des 2. Finanzmarktförderungsgesetzes rückt, das den Insiderhandel verbieten soll, um so häufiger melden sich Wissenschaftler zu Wort, die die Wirkungen solcher Regelungen zumindest relativieren. Dabei beginnt die Nachdenklichkeit oft schon bei den Motiven für die Verbotsforderung.

So stellt beispielsweise der Tübinger Rechtswissenschaftler Heinz-Dieter Assmann lakonisch fest, daß der Widerstand gegen ein deutsches Insidergesetz – vor allem von seiten der Banken – erst nach der Erkenntnis fallengelassen wurde, daß "die Welt von einem Finanzplatz mit internationalem Geltungsanspruch ein staatlich überwachtes Insiderhandelsverbot" erwarte. Erst die gesetzliche Regelung weist offenbar einen Finanzplatz als ausgereift und wohlgeordnet aus. Standen früher Motive des Anlegerschutzes im Vordergrund, so werde jetzt der Insiderhandel "zunehmend in ein markt- und wirtschaftsethisches Problem umgedeutet", schreibt Assmann in der Fachzeitschrift Die Aktiengesellschaft.

Das Motiv des Anlegerschutzes hatte der amerikanische Forscher Henry Girard Manne bereits im Jahre 1966 entkräftet. Mannes These: Insiderhandel schädige nicht nur keinen Anleger, sondern sei im Interesse effizienter Kapitalmärkte und effektiver Unternehmensführung geradezu wünschenswert.

Eine gründliche Aufarbeitung der juristischen und ökonomischen Theorien sowie des Standes der empirischen Forschung zum Thema Insiderhandel hat kürzlich Kai Lahmann mit seiner Dissertation "Insiderhandel – Ökonomische Analyse eines ordnungspolitischen Dilemmas" vorgelegt. In seinem Geleitwort konstatiert Lahmanns Doktorvater Klaus J. Hopt von der Universität München eingedenk der Zweifel am ökonomischen Nutzen eines Irisiderrechts: "Wenn dies wirklich zutreffen sollte, steht das junge europäische Insiderrecht auf – jedenfalls ökonomisch gesehen – tönernen Füßen."

In seiner Dissertation, die demnächst im Duncker und Humboldt Verlag auch als Buch erscheinen soll, geht Lahmann von der Auffassung aus, daß "nicht nur die Regulierung des Insiderhandels, sondern jede ordnungspolitische Maßnahme anhand ihrer Wirkungen auf die Wohlfahrt der Gesellschaft beurteilt werden sollte". Sofern diese Wirkungen nicht zweifelsfrei festzustellen sind und aufgrund unterschiedlicher Grundwerte Uneinigkeit über das Für und Wider einer Regelung herrscht, müsse die Entscheidung über eine Regulierung durch Abwägung der Grundwerte auf demokratischer Basis erfolgen. Damit aber verlagert sich die Problematik auf die Ausgestaltung der Regulierung.