Rita Süssmuth bewies auch während der Wahl des Bundespräsidenten im Berliner Reichstag am Pfingstmontag Fingerspitzengefühl. Während des dritten Wahlgangs sah sich die Bundestagspräsidentin die Reihen der Liberalen an und sagte zu mir: "Man sieht, daß bei einigen von Ihnen die Enttäuschung groß ist Mit dem folgenden Satz kam sie auf das eigentliche Problem: "Wir haben viel zu spät darüber geredet - eigentlich erst hier " Meine Antwort: "Wir haben nicht einmal hier darüber geredet Nämlich über die Wahl des Bundespräsidenten.

Der neu gewählte Bundespräsident Roman Herzog will sich bemühen, daß meinesgleichen die Entscheidung gegen ihn bereuen wird. Trotz aller Bedrückung - da gehörte auch ich zu den Lachern, obwohl mir zum Heulen zumute war. Das Lachen blieb mir allerdings im weiteren Verlauf seiner Rede im Halse stekken. Je länger sie dauerte, desto eindringlicher zogen vor meinem inneren Auge die Entwicklungen vorüber, die zu der Konstellation im dritten Wahlgang geführt hatten: Vor dem Wahltag hat es in der Bundestagsfraktion keine Diskussion gegeben. Nach meinem Empfinden hatte die Spitze der Bonner FDP durch allzu frühe Rückzugsgedanken signalisiert, daß sie ihre eigene Kandidatin Hildegard Hamm Brücher nur zu einem Zweck gekürt hatte: um Steffen Heitmann zu kippen. Als ich das Thema auf der letzten Fraktionssitzung vor dem 23. Mai unter "Verschiedenes" ansprechen wollte - es stand überhaupt nicht auf der Tagesordnung! , waren die entscheidenden Personen und die meisten Abgeordneten nicht mehr im Raum.

Und am Tag der Wahl? An seinem Ende blieb nur festzustellen: erneut keine Diskussion über die Präsidentenwahl, dafür aber bei einer beachtlichen Minderheit in der liberalen Fraktion der Bundesversammlung Zorn, Enttäuschung, Verbitterung und allergrößte Sorge um die Zukunft der FDP. Das erfreuliche Ergebnis für Hildegard HammBrücher im ersten Wahlgang ließ die Kandidatin und den Parteivorsitzenden Klaus Kinkel unter vier Augen schnell zu der Entscheidung für eine zweite Bewerbung kommen. Nach Jens Reichs Verzicht konnte eigentlich ein noch besseres Abschneiden erwartet werden. Aber bereits jetzt votierten die Liberalen nicht mehr geschlossen. Nach dem zweiten Wahlgang ließen uns Frau Hamm Brücher und Herr Kinkel länger warten. Das Wort von der "hartnäckigen alten Dame machte halb belustigt, halb bedenklich die Runde Nachdem der Vorsitzende die lange Wartezeit mil einem Anruf von Herrn Scharping erklärt hatte, teilte er mit, daß er Frau Hamm Brücher empfohlen habe, im dritten Wahlgang nicht mehr anzutreten. Eine Wortmeldung, in der gefordert wurde, Frau Hamm Brücher auch im dritten Wahlgang antreten zu lassen, wurde kurzerhand vom Tisch gewischt. Als die Kandidatin um eine Abstimmung in der Fraktion bat, forderte ein Delegierter sie unverblümt auf, ihre Kandidatur ohne Abstimmung zurückzuziehen. Er werde in jedem Fall Roman Herzog wählen. Er wolle seine Stimme nicht unpolitisch einer chancenlosen Kandidatur opfern, und die FDP dürfe ihren Einfluß nicht vertun. Eine Mehrheit der Fraktion dachte offensichtlich genauso. Die Abstimmung kam nur zustande, weil Hans Dietrich Genscher sie als verständlich und völlig legitim bezeichnet hatte. Nachdem ein erheblicher Teil der neunzigminütigen Unterbrechung der Bundesversammlung (absichtlich?) verstrichen war, konnte endlich die Diskussion beginnen. Nach zwei Beiträgen zugunsten Johannes Raus und knapp zehn weiteren Meldungen auf der Rednerliste zog der Parteivorsitzende den Vorschlag aus dem Zylinder, nur noch zwei Redebeiträge "aus der anderen Richtung" zuzulassen und die Diskussion damit zu beenden. Die Mehrheit der liberalen Fraktion stimmte diesem "Ausdruck von Führungsstärke" zu. Somit wurde die Frage nach dem neuen Bundespräsidenten nach vier kurzen Beiträgen in Pround Contra Manier entschieden.

Wäre es allein nach dem Gerechtigkeitssinn des Parteivorsitzenden gegangen, hätte auch die in diesen Minuten zur Exkandidatin gewordene Frau Hamm Brücher nicht mehr das Wort ergreifen dürfen. Mit Hilfe eines Teils der Fraktion erkämpfte sie sich aber eine letzte Redemöglichkeit. Sie verwies auf die Gefahr, daß die sich anbahnende Entscheidung zugunsten von Roman Herzog weder in der Partei noch bei der Wählerschaft Verständnis finden wird. Dem Aufruf nach Geschlossenheit konnte ich nicht folgen. Unser Gemeinwesen ist im Umbruch, die Gesellschaft rückt nach rechts, rechtsextreme Verbrechen erschüttern diesen Staat. Ein Zeichen für die Kontinuität der Koalition war nach der Koalitionsaussage zugunsten der CDU weder nötig noch der bedrückenden Lage des Landes dienlich. Mich belastet der Gedanke, daß der neue konservative Bundespräsident mangels fehlender Überzeugungskraft der negativen Entwicklung nicht Einhalt gebieten kann. Um die Zukunft der FDP mache ich mir Sorgen, weil nach meinem Empfinden die innerparteiliche Demokratie weiteren Schaden genommen hat.