Von Philipp Maußhardt

Immer mittwochs, morgens um zehn, treffen sich dreißig arbeitslose Herren im Berliner Café "Herbstzeitlos". Sie waren dereinst Botschafter, Sekretäre oder Attachés im diplomatischen Dienst der DDR. Das Auswärtige Amt in Bonn hat bis auf vier Nachwuchstalente keinen der 1043 Diplomaten der DDR übernommen.

Heute am Rednerpult: Botschafter a. D. Hans Voß, ehemals Gesandter des kleineren Deutschlands in Rumänien und Italien, zuletzt Vertreter der DDR bei der KSZE. Voß redet über "die Stellung der BRD in der Welt und die Erfordernisse deutscher Außenpolitik". Seine Zuhörer haben Notizblock und Stift gezückt und schreiben mit, als wären sie auf einer Dienstbesprechung. Die ausholenden Gesten und der schweifende Blick des Redners passen nicht in das enge Nebenzimmer. Sein Grundsatzreferat verhallt ohne diplomatische Konsequenz. "Es gibt keine Alternative zum westlichen Bündnis", sagt Voß. Der Satz hätte ihn vor kurzem noch den Job gekostet.

Botschafter a. D. Prof. Dr. Siegfried Bock, 1989 dienstältester Diplomat der DDR, sitzt in der ersten Reihe. Er leitet den Klub, der sich "Verband für Internationale Politik und Völkerrecht" nennt. "Man hat uns", sagt Bock, "absolut ausgegrenzt."

Die Erörterung nicht an ihn gestellter Fragen ist nur ein Teil der Arbeit des Diplomaten-Verbandes. Der Verband plant mehrere Veröffentlichungen zur Geschichte der DDR-Außenpolitik. Bereits erschienen sind zwei Hefte, die das Verhältnis des SED-Regimes zum Vatikan und die Außenpolitik der DDR in Afrika beleuchten. Derzeit ist ein Bändchen in Arbeit, das die lächerlichen Seiten der deutsch-deutschen Konkurrenz im Ausland zum Inhalt haben wird. Eine Anekdotensammlung über absurde Situationen auf diplomatischem Parkett.

Hans Voß hat seine Rede beendet und sein Manuskript in der Aktentasche verstaut. Kaffeepause. Small talk. Fragt Ferdinand (ehedem Botschafter im Iran): "Nun, und du?" Sagt Otto (Exbotschafter in Venezuela): "ABM." Meint Ferdinand: "Besser wie nichts."

Tatsächlich hat die deutsche Vereinigung keine Berufsgruppe so hart getroffen wie die Diplomaten des SED-Staats. Nur am Eigentum, das die ostdeutschen Vertretungen mitbrachten, zeigte der Westen Interesse. Auf über eine Milliarde Mark wird das Vermögen an Liegenschaften, Fahrzeugen und Mobiliar geschätzt, das am 3. Oktober 1990 dem Bund zufiel.