Von Klaus-Peter Schmid

Dieses Buch ist eine große Enttäuschung. Da schreibt einer, von dem man ein klares Wort gewohnt ist, der das politische Geschäft als Exminister in- und auswendig kennt, der mit der Brüsseler Kommission vertraut ist, der auch als Hochschullehrer Erfahrung gesammelt hat – und dann kommt ein Werk ohne Konturen heraus, ohne einen originellen Ansatz, ohne klare Meinung und voller sprachlicher Schlampereien und Gedankensprünge. Von Hans Apel durfte man ein bißchen mehr erwarten.

Natürlich, wer nichts über das Europa der Zwölf und seine Institutionen weiß, der lernt einiges bei der Lektüre. Denn Apel läßt kaum einen Bereich gemeinschaftlicher Politik aus, und Sachkenntnis ist das letzte, was ihm fehlt. Die Kapitel über Agrarpolitik etwa oder über die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik informieren gründlich und geben damit auch Orientierungshilfe.

Aber der Autor will ja mehr bieten: eine Diagnose der Krankheit, an der der Koloß Europa leidet, und eine Therapie. Da fragt man sich, ob der Patient bei Doktor Apel wirklich in guten Händen wäre; denn er läßt kaum erkennen, wie das kranke Europa wieder gesunden soll. Daß es mit der europäischen Einigung nicht zum besten steht, hat sich herumgesprochen. Daß vieles an der Entwicklung fehlgelaufen ist, wird niemand ernsthaft bestreiten. So stimmt man Apel bei seiner Kritik an Strukturfehlern oder Unvollkommenheiten oft spontan zu.

Aber dann kommt todsicher der Hinweis, daß es nun einmal nicht anders geht. Beispiel Maastricht: ein miserabler Vertrag, zugleich unzureichend und zu weitreichend – aber seine Ablehnung wäre eine Katastrophe für Europa gewesen. Immer wieder klagt Apel über die "egoistischen nationalen Interessen", die Europa zerstören; aber dann kritisiert er, daß es Deutschland nicht verstehe, seine Interessen durchzusetzen. So manövriert sich Apel in so manche "selbstgestrickte Zwickmühle", wie er wohl sagen würde, und läßt den Leser ratlos zurück.

Völlig unklar bleibt, ob Apel nun mehr oder weniger Europa haben möchte. Wenn man das Kapitel über die gemeinsame Forschungs- und Technologiepolitik gelesen hat, ist offen, ob Brüssel da nun zuviel oder zuwenig tut, ob Grundlagenforschung förderungswürdig ist oder nicht, ob die Kommission mehr oder weniger koordinieren sollte. An anderer Stelle ist das Bedauern darüber zu spüren, daß deutsche Umweltstandards bei den Partnern nicht durchzusetzen sind.

Und dann diese Schlußfolgerung: "Für uns Deutsche mag die Erkenntnis schmerzhaft sein, daß für uns die Zeiten der ökologischen und gesundheitspolitischen Besserwisserei unwiderruflich vorbei sind. Nur noch im Konvoi der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union läßt sich der Fortschritt durchsetzen. Und das ist gut so."