Von Marco Finetti

Als Giacomo Matteotti an diesem 10. Juni 1924 kurz nach vier Uhr nachmittags seine Wohnung in der Via Pisarelli Nr. 40 im Zentrum Roms verließ, achtete er nicht auf die große schwarze Lancia-Limousine, die nur wenige Schritte entfernt an der Einmündung in die Lungo Tevere am Tiberufer parkte. Schnellen Schrittes ging er die Via Mancini hinunter und wollte gerade die Straße überqueren, als mehrere Männer aus dem Lancia hervorstürzten, sich auf ihn warfen, ihn niederschlugen und in den Wagen zerrten. Matteotti schlug verzweifelt um sich und rief laut um Hilfe, konnte mit seinen weißen Wildlederschuhen sogar noch ein Seitenfenster des Wagens eintreten, brach dann aber unter mehreren Messerstichen zusammen. Mit quietschenden Reifen fuhr der Lancia an, raste das Tiberufer entlang und verließ die Stadt in Richtung Norden.

Mehrere Passanten hatten den Vorfall beobachtet, waren jedoch nicht eingeschritten. Die einen glaubten, die Polizei habe bloß einen Kriminellen verhaftet; ein anderer vermutete, daß ein Gangsterfilm gedreht werde. Nur ein Augenzeuge, ein Anwalt, zweifelte nicht daran, daß hier ein Verbrechen geschah, merkte sich die Wagennummer und verständigte die Polizei. Als diese noch am selben Abend die Spur des schwarzen Lancia aufnahm, war Giacomo Matteotti schon tot – noch auf der Fahrt durch Rom von seinen Entführern erstochen, die danach stundenlang mit dem Toten auf dem Rücksitz in der Gegend umherirrten, bevor sie die Leiche schließlich in einem Waldstück nahe der Hauptstadt verscharrten.

So begann vor genau sieben Jahrzehnten eine der dramatischsten und folgenschwersten politischen Affären in der skandalreichen neueren Geschichte Italiens. Denn jener Giacomo Matteotti, der dort auf offener Straße gekidnappt und kurz darauf ermordet wurde, war der entschiedenste und populärste Widersacher des faschistischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini. Als mutiger Wortführer der sozialistischen Opposition im italienischen Parlament hatte sich der 38jährige Politiker aus Rovigo im ganzen Lande einen Namen gemacht – und sich den Haß der Faschisten zugezogen.

Seine Ermordung stürzte nun den „Duce“, dessen Regierung und nicht zuletzt den italienischen Faschismus in die bis dahin schwerste Krise ihrer Geschichte, und mehr als einmal sah in den folgenden sechseinhalb Monaten alles danach aus, als ob sie das politische Schicksal Mussolinis, ja der gesamten faschistischen Bewegung besiegeln sollte. Am Ende der „Matteotti-Krise“ aber stand weder der Sturz des „Duce“ noch des Faschismus – sondern der Beginn seiner Diktatur.

Fast auf den Tag genau anderthalb Jahre zuvor waren Mussolini und seine Bewegung an die Macht gelangt, nachdem das bereits seit langem marode demokratische System an den wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs endgültig gescheitert war. Arbeitslosigkeit, Inflation und die Enttäuschung über die für Italien unbefriedigenden Friedenskonferenzen hatten das Land in bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen gestürzt, die vor allem zwischen den Sozialisten und den 1919 als Frontkämpferbund gegründeten und rasch zur Massenbewegung aufgestiegenen Fasci di Combattimento Mussolinis mit unerbittlicher Härte ausgefochten worden waren.

Am Ende hatte sich Mussolini König Viktor Emanuel III. und den konservativen Machteliten, der Bürokratie und der Armee, gegenüber als einziger möglicher Retter Italiens auszugeben verstanden und war – nachdem er seine gewaltsame Machtübernahme angedroht und mit seinen Anhängern den „Marsch auf Rom“ inszeniert hatte – am 28. Oktober 1922 schließlich vom König zum Ministerpräsidenten ernannt worden.