In der Geschichte der Medien gibt es keinen Fortschritt von einer Technologie zur nächsten, sondern bloß eine Ausweitung des Bestands. Man malt trotz Photographie, photographiert trotz Film, hört Radio trotz Fernsehen. Beim Schreiben haben sich alte und neue Techniken zu einer neuen Form der Zusammenarbeit verbunden. Digitales Schreiben trägt die Botschaften, Federgekritzel setzt den Autor hinzu.

In der postmodernen Wiederkehr enthüllen obsolet gewordene Techniken erst ihr Wesen: Jedes Gerät hat neben seiner rein technischen auch eine symbolische Funktion; in dieser ist es unersetzbar. Der nostalgische Füller ist kein überflüssiger ästhetischer Zusatz, sondern gehört dialektisch zum Computer wie ein Stück Zubehör und darf daher auf keinem Chef-Schreibtisch fehlen. Dem maschinellen Text fügt er eine Spur der Leiblichkeit des Autors bei. Gemeinsam mit dem Computer bildet er eine patriarchale Wunschmaschine, denn er erfüllt die tote Schrift mit Begehren.

"Federstiele sind unzweifelhafte männliche Sexualsymbole; Gefäß, Papier und Tisch Symbole des Weibes", schrieb Sigmund Freud im Jahre 1915 auf ein Stück Papier, das auf einem Tisch lag, nachdem er zuvor die Feder in ein kleines Gefäß mit Tinte gesteckt hatte, um den Tintendurst seines kleinen Werkzeugs zu stillen. Welch pikante Situation, welch sinnliche Wissenschaft!

Dürfen wir annehmen, daß Freud nach seiner Entdeckung kein Wort mehr schreiben konnte, ohne diesen Vorgang als einen Geschlechtsakt zu empfinden, bei dem der Griffel der Unterlage seine feuchte Spur einträgt, um neuen Sinn zu gebären? Fühlt sich Freud beim Schreiben von dieser Sexualmetaphorik verfolgt oder in seiner geistigen Fruchtbarkeit beflügelt?

Wir möchten behaupten, daß die Füllfeder selber schon die technische Antwort ist auf das sexualmetaphorische Problem der älteren Feder, die man ständig ins Tintenfaß eintauchen mußte. Mit der Erfindung der Füllfeder emanzipiert sich der patriarchale Mann von seinem Ursprung, verleugnet seine Abkunft aus dem Weibe; zu diesem Zweck baut er seinem Werkzeug und Repräsentanten, der Feder, ein kleines Gefäß ein. Damit diese Einholung der Gefäßfunktion nicht den abgehängten weiblichen Ursprung verrate, erhält das Gefäß die Form eines Zylinders, in dem ein Kolben auf und nieder fährt. Der männliche Schreiber muß nun nicht mehr sein Werkzeug in ein Gefäß einbringen und sich in ein umgebendes anderes Medium eintauchen, um Sinn zu erzeugen. In der Füllfeder ist die Flüssigkeit, wie man sich im Sichtglas überzeugen kann, stets bereit, geistigen Ergüssen zu ihrem Ausdruck zu verhelfen. Die mit der Technik einer Pumpe zur Spritze umgerüstete Feder leistet eine Uminterpretation der Tinte: vom Fruchtwasser der Muse zur Saat des männlichen Geistes.

Der Füller ist eine Junggesellenmaschine, die in sich und aus sich masturbatorisch zeugt, denn nachdem der Kolben auf und ab gefahren ist und nachdem der Füller die Tinte einige Zeit unterm Herzen getragen hat, kann unmittelbar zur Geburt geistiger Produkte geschritten werden. So wie der Autor sich selbst als unbedingten, genialen, freien und souveränen Ursprung seines Textes verkennt, so erscheint der Füller als autonome Quelle der Tintenschrift. Im Füller ist die patriarchale Genieästhetik zum Gegenstand geronnen. Der Dichter als Letztursache seiner Gedichte ist in seinem Griffel selber verdichtet.

Unser blaues, in Tintenspritztechnik ausgeführtes Füller-Weltbild verwandelt den Schreibtisch in eine Landschaft, die Schreibtischkante in einen Horizont, an dem sich materiale Erde und luftiger Geist-Himmel voneinander trennen, um von der Spitze des Füllers produktiv wieder verbunden zu werden. So wie die Erde nur das Material ist, in dem sich der vom Landmann in die Ackerfurche gesäte Samen reproduziert, so wurde Jahrhunderte hindurch die Frau als bloße materielle Grundlage männlicher Selbstreproduktion verkannt, ihr Name und dessen Unterschrift gestrichen, ihr genetischer Beitrag zur Zeugung geleugnet. Der Name des Vaters zog die Linie seines "Blutes" durch alle weiblichen "Substrate", das heißt durch alle unterworfenen, zugrundegelegten Medien hindurch. Das Weib sei Medium, der Herr sei reiner Geist, die Schrift deren sinnträchtige Vermählung – die Vermählung aber der Untergang des weiblichen Namenszuges.

Auf unserem Bild pflügt die Metallfeder eine Ackerfurche in den Schreibtisch, und aus der Schriftspur erwächst eine Blume. Als späte Blüte des Patriarchats verrät sie uns ein Stück von dessen Metaphorik, von den Untiefen seines zugleich agrarischen und anatomischen Wurzelgrunds.